Anwendungen

Anwendungsmöglichkeiten von Gene Drives

Gene Drives eröffnen zahlreiche neue Anwendungsmöglichkeiten.
Aktuell konzentriert sich die Forschung auf drei Gebiete:

  • die Kontrolle von Krankheitsüberträgern
  • das Entfernen invasiver Arten aus empfindlichen Ökosystemen und
  • das Eindämmen sogenannter Schädlinge in der Landwirtschaft.

Gene Drives zur Beseitigung von Krankheitsüberträgern
Infektionskrankheiten wie Malaria, Dengue-Fieber und Borreliose werden von Mücken oder Zecken auf den Menschen übertragen. Die Bekämpfung dieser Überträger – auch „Vektoren“ genannt – ist Teil der Krankheitsprävention.

Zu diesem Zweck sollen nun auch Gene Drives eingesetzt werden.

Der Malaria-Erreger wird ausschließlich durch Anophelesmücken verbreitet. Ein konzertiertes globales Programm der Malariakontrolle unter Einsatz von Moskitonetzen, Insektiziden und Medikamenten hat dazu beigetragen, die Krankheit in vielen Regionen der Welt zurückzudrängen und die Zahl der Todesopfer zwischen dem Jahr 2000 und 2015 um etwa die Hälfte zu senken.1 Im Jahr 2016 identifizierte die WHO 21 Länder mit dem Potential, bis 2020 null einheimische Malariafälle zu erreichen.

Dabei sind bereits 37 Länder als malariafrei zertifiziert2 , zuletzt Sri Lanka (2016), Paraguay (2018) und Algerien (2019). Auch China, Malaysia, El Salvador und der Iran sind auf einem guten Weg, die für die Zertifizierung notwendige dreijährige Malariafreiheit zu erreichen. Weitere Faktoren für die erfolgreiche Bekämpfung der Krankheit sind dabei vor allem ein starker politischer Wille, ein funktionierendes Gesundheitssystem, eine gute Ausbildung des medizinischen Personals, nationale Programme für Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen, Malaria-Screening, schnelle und richtige Diagnose sowie Behandlung und schnelle Reaktionen auf auftretende Krankheitsausbrüche.3

Doch es verbleiben noch immer 87 Länder, in denen solche Maßnahmen nicht ausreichend umgesetzt werden konnten. Im Jahr 2017 erkrankten noch immer mehr als 200 Millionen Menschen an Malaria, über 400 000 Menschen starben daran.4 Am stärksten sind die armen Regionen Afrikas betroffen, vor allem bei Kindern unter fünf Jahren ist die Sterblichkeit sehr hoch. Gene Drives sollen hier Abhilfe schaffen, indem sie die Zahl der Anophelesmücken in Afrika massiv reduzieren und die Übertragung der Malaria verhindern.

Eine führende Rolle bei der Entwicklung derartiger Gene Drives spielt das internationale Forschungskonsortium Target Malaria. Dem Konsortium steht ein Etat von etwa 100 Millionen US-Dollar zur Verfügung, das zum großen Teil aus Mitteln der Bill & Melinda Gates Foundation5 sowie dem Open Philantrophy Projekt6 stammt.

Zur Kontrolle der Mückenpopulationen verfolgt Target Malaria zwei unterschiedliche Ansätze. Einer zielt darauf ab, sterile weibliche Anophelesmücken zu erzeugen und diese Eigenschaft mit einem CRISPR-Gene Drive in der wildlebenden Population zu verbreiten. Im Jahr 2018 zeigten Versuche in großen Käfigen, dass dieser Ansatz grundsätzlich funktioniert: Der Gene Drive brachte die Population nach etwa zehn Generationen zum Zusammenbruch.7

Der zweite Ansatz von Target Malaria sieht vor, die Geschlechterverteilung der Mücken zu manipulieren. Eine Variante des Gene Drive mit der Bezeichnung „X-Shredder“ sorgt dafür, dass vorwiegend männliche Mücken geboren werden. Diese Gene Drive Variante wurde ebenfalls bereits an Mücken in Käfigen getestet. Modellrechnungen sagen voraus, dass ein mehrmaliges Freisetzen der Gene Drive-Mücken natürliche Populationen um bis zu 60 Prozent reduzieren, aber vermutlich nicht ausrotten würde.8

Während Target Malaria darauf setzt, die Zahl der Mücken zu verringern, gehen Gene Drive Entwickler*innen an der Universität von Kalifornien in San Diego einen anderen Weg. Mit einer Ausstattung von mehreren Millionen US-Dollar der indischen Tata-Stiftung9 suchen sie einen Weg, in Anophelesmücken eine Resistenz zu erzeugen, die den Malaria-Erreger abtötet und die Infektion von Menschen verhindert.10 Derartige Gene Drive Organismen hatten sich in ersten Käfigversuchen allerdings nur als eingeschränkt lebensfähig erwiesen.11

Die Pläne von Target Malaria sind hingegen schon so weit, dass erste Modellprojekte in Burkina Faso, Mali, Ghana und Uganda gestartet wurden. Im Juli 2019 führte Target Malaria in Burkina Faso erste Tests durch, die als Vorstufe für die zukünftige Freisetzung von Gene Drive Mücken gelten.12 Bereits im Jahr 2024 möchte Target Malaria die erste Freisetzung von Gene Drive Mücken durchführen. Obwohl Target Malaria darauf hinweist, die lokale Bevölkerung sei in den Entscheidungsprozess eingebunden, sorgten bereits die bisherigen Experimente national und international für Proteste.1314

In gemäßigten Klimazonen wird über den Einsatz von Gene Drives gegen die Infektionskrankheit Borreliose (Lyme-Krankheit) nachgedacht. In den USA breitete sich die Borreliose zuletzt stark aus und betrifft jährlich etwa 300.000 Menschen.15 Für Deutschland wird die Zahl der Neuerkrankungen auf ungefähr 100.000 pro Jahr geschätzt.16

Auslöser für diese Krankheit sind Borrelien-Bakterien, die häufig wildlebende Mäuse befallen und von Zecken auf den Menschen übertragen werden. Wird die Infektion nicht rechtzeitig erkannt, kann sich eine chronische, schwer behandelbare Krankheit ausbilden.

Auf zwei Inseln im Nordosten der USA startete ein Projekt, das die Übertragung der Krankheit mithilfe der Gentechnik unterbrechen will.17 Ziel der Genmanipulation sind nicht die Zecken als Überträgerinnen, sondern die einheimischen Weißfuß-Mäuse, die in diesen Regionen das wichtigste Reservoir für Borrelien darstellen. Ein Eingriff in das Immunsystem soll die Mäuse resistent machen und die Übertragungskette der Borrelien unterbrechen.

Nach einer Bürgerbefragung auf den Inseln Nantucket und Martha’s Vineyard in Massachusetts, USA, sprach sich eine Mehrheit für die Vorbereitung von Freilandversuchen aus, lehnte jedoch den Einsatz von Gene Drives ab. Geplant ist nun die massenhafte Freisetzung von gentechnisch veränderten Mäusen, die sich mit ihren natürlichen Artgenossen paaren und eine Borrelien-Resistenz in die Population einkreuzen sollen. Sollten langfristig jedoch Versuche auf größeren Landmassen geplant werden, stünde der Einsatz von Gene Drive Mäusen erneut zur Debatte.

Der Einsatz eines Gene Drive bei der Borreliose ist allerdings schwer zu rechtfertigen, da eine Infektion bereits mit einfachen Mitteln verhindert werden kann: durch passende Kleidung, das Auftragen von Anti-Zecken-Mitteln und regelmäßiges Absuchen des Körpers. Für kurze Zeit war sogar ein Impfstoff verfügbar, der allerdings aufgrund mangelnden Interesses wieder vom Markt verschwand. Der Einsatz von gentechnischen Methoden erfolgt daher nicht aus Mangel an Alternativen, sondern weil diese allgemein als lästig und störend empfunden werden.

Mit Gene Drives gegen invasive Arten
Menschen haben zahlreiche Tierarten auf fremde Inseln und Kontinente verschleppt, wo sie zu einer ernsten Bedrohung für die einheimische Tier- und Pflanzenwelt wurden. Große Probleme bereiten beispielsweise eingeschleppte Ratten und Mäuse, die kleinere Tiere und die Brut einheimischer Vögel erheblich dezimieren. Konventionelle Maßnahmen wie Jagd, Fallen oder Giftköder konnten invasive Tierarten von kleinen Inseln vertreiben, aber auf größeren Landmassen geraten diese Maßnahmen an ihre Grenzen. Gene Drives sollen hier eine Alternative bieten.

Diesen Ansatz verfolgt das Projekt Genetic Biocontrol of Invasive Rodents (GBIRd), das von sieben Universitäten, Behörden und nichtstaatlichen Organisationen aus den USA und Australien getragen wird. GBIRd will die Frage klären, ob invasive Mäuse durch Gene Drives ausgerottet werden können und unter welchen Bedingungen dieser Eingriff akzeptabel wäre. Der Großteil des Projekts wird von der US-Militärbehörde Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) mit 6,4 Millionen US-Dollar gefördert.18

Zu den aktivsten Mitgliedern von GBIRd gehört die kleine Naturschutzorganisation Island Conservation. Seit 25 Jahren widmet sie sich dem Schutz von Seevögeln und hat nach eigenen Angaben bereits 63 Inseln von Nagetieren befreit. Bislang geschah dies mit konventionellen Methoden, doch für weitere Fortschritte hält Island Conservation den Einsatz von Gene Drives notwendig.

Erste Schritte in dieser Richtung erfolgten an der Universität von Kalifornien in San Diego, USA, wo 2019 erstmals Gene Drives für Mäuse entwickelt wurden.19 Die Entwickler*innen trafen dabei jedoch auf ein unerwartetes Phänomen: CRISPR/Cas9 konnte zwar den DNA-Strang in allen Versuchstieren schneiden, doch nur bei Weibchen setzte auch der Reparaturmechanismus ein, der die neuen DNA-Abschnitte aktiv im Erbgut verbreitet. Der Gene Drive war also nur in einem der beiden Geschlechter erfolgreich, und selbst dort erreichte er nur eine Effizienz von etwa 70 Prozent. Für die Manipulation freilebender Populationen ist der Gene Drive in dieser Form wohl nicht geeignet.

Auch Neuseeland zeigte bis vor kurzem Interesse am Einsatz von Gene Drives. Die einzigartige Flora und Fauna dieses Landes erleidet durch Ratten, Hermeline und den australischen Fuchskusu großen Schaden. Mit dem Programm Predator Free 2050 verfolgt die neuseeländische Regierung das ambitionierte Ziel, alle invasiven Raubtiere bis zum Jahr 2050 auszurotten. Auf mehr als 100 kleineren Inseln war dies bereits erfolgreich, doch auf den Hauptinseln ist eine Ausrottung allein mit konventionellen Methoden kaum zu erreichen.

Anfangs wurde auch in Neuseeland über den Einsatz von Gene Drives nachgedacht. Angesichts dieser Pläne veröffentlichten 2017 zwei Gene Drive Entwickler einen Artikel, in dem sie vor vorschnellen Freisetzungen und der Anwendung von Gene Drive Organismen im Naturschutz warnten.20 Nach einem Regierungswechsel im gleichen Jahr herrscht in Neuseeland größere Zurückhaltung. Bevor sich Predator Free wieder mit dem Thema befasst, sollen erst die zahlreichen technischen, sozialen, ethischen Erwägungen und regulatorischen Hürden erforscht und überwunden werden.21

Gene Drives in der industriellen Landwirtschaft
Auf lange Sicht könnte die Landwirtschaft das wichtigste Anwendungsfeld von Gene Drives werden – ein Umstand, der von der Öffentlichkeit bislang kaum wahrgenommen wird. Patente zu CRISPR-basierten Gene Drives führen hunderte Tiere und Pflanzen auf, deren Eindämmung oder Ausrottung die landwirtschaftlichen Erträge steigern könnten. Allerdings müssten auf diesem Weg noch einige Hürden überwunden werden.

Mindestens sechs Patente zu Gene Drives verweisen auf konkrete Anwendungen in der Landwirtschaft. Der Fokus liegt auf der Kontrolle von Schädlingen und Unkräutern sowie der Rücknahme von Herbizidresistenzen. Zwei zentrale Anmeldungen stammen von führenden Entwicklern des CRISPR-basierten Gene Drive, den Forschungsgruppen um Kevin Esvelt22 und Ethan Bier23. Zahlreiche Ansprüche meldet auch ein Patent der Gruppe um Bruce Hay24 an. Meist sind die Ansprüche allgemein gehalten, doch ein Patent enthält bereits detaillierte Ziele und Methoden, die eine kommerzielle Nutzung ermöglichen.

Die Kommerzialisierung der Gene Drives steht jedoch vor einem grundsätzlichen Problem: Seine Verbreitung lässt sich bislang weder räumlich noch zeitlich eingrenzen. Einzelne Freisetzungen könnten eine Verbreitung der GDO in grenzüberschreitenden Ökosysteme für Jahrzehnte zur Folge haben. Das klassische Geschäftsmodell der Agrarunternehmen, das auf einen kontinuierlichen Verkauf der Produkte aufbaut, wäre unter diesen Bedingungen nur schwer anwendbar.

In der Theorie erscheint der Einsatz nur in zwei Szenarien kommerziell interessant. Ein Gene Drive könnte natürliche Resistenzen beseitigen, die Wildpflanzen gegen verbreitete Herbizide entwickelt haben – ein Agrarunternehmen könnte dann vom gestiegenen Absatz des Herbizids profitieren, weil diese wieder einsatzfähig würden. Oder große Landwirtschaftsverbände finanzieren die Entwicklung eines Gene Drive, der allen Verbandsmitgliedern zugutekommt.

Diese Abbildung illustriert die wichtigsten möglichen zukünftigen landwirtschaftlichen Gene Drive Verwendungsmöglichkeiten, für die sich die Patentinhaber*innen auf die Gene Drive Technologie vorsorglich Patentansprüche gesichert haben.

Patent WO 2015 /105928 A1
  1. Maisschädlinge
  2. Baumwollschädlinge
  3. Schädlinge für kleinkörniges Getreide
  4. „im Rahmen der vorliegenden Offenlegung“ genannte Sojaschädlinge
  5. Traubenschädlinge
  6. Palmenschädlinge
  7. Schädlinge für Nachtschattengewächse, darunter Paprika, Tomaten, Auberginen, Tabak, Petunien, Kartoffeln
  8. Steinobstschädlinge
  9. Zystennematodenarten
  10. Borkenkäferarten
  11. Schädlinge der Weichtiergattung
  12. Mottenarten
  13. genannte Agrarunternehmen
  14. schädliche Unkrautarten (19 Sorten Wasserunkraut, 5 parasitäre Unkrautsorten, 88 terrestrische Unkrautsorten)
  15. Pestizidsorten, z.B. Atrazin, Glyphosat, Napthalin, Kupferhydroxid
  16. schädliche Unkrautarten (19 Sorten Wasserunkraut, 5 parasitäre Unkrautsorten, 88 terrestrische Unkrautsorten)
  17. Markenherbizide
Patent WO 2017 / 049266 A2
  1. landwirtschaftliche Insektenschädlinge
  2. landwirtschaftliche Milben
  3. landwirtschaftliche Nematodenarten
  4. pflanzenpathogene Nematoden
  5. Insektenvektoren von Pflanzenpathogenen
  6. Insektenschädlinge für Zierpflanzen
  7. Schädlinge der Weichtiergattung
  8. Traubenschädlinge
  9. Erbeerschädlinge
  10. Schädlinge für Honigbienen
  11. gegen Pestizide oder Herbizide resistente Unkräuter

Beispiele für landwirtschaftliche Anwendungen von Gene Drives
Der Einsatz von Gene Drives wäre bei fast jeder Feldfrucht und bei zahlreichen Nutztieren oder sogenannten Schädlingen vorstellbar.

In drei Fällen gibt es bereits konkrete Pläne:


Die ursprünglich in Südostasien beheimatete Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) hat sich weltweit ausgebreitet und verursacht erhebliche Ernteausfälle bei zahlreichen Obstsorten. Sie legt ihre Eier in fast reife, unbeschädigte Früchte mit dünnen Schalen. Im Jahr 2008 erreichte die Kirschessigfliege Kalifornien und verursachte bereits im folgenden Jahr Schäden von über 38 Millionen US-Dollar in Kirschplantagen. Berechnungen zufolge können diese Verluste im Westen der USA auf jährlich über 500 Millionen US-Dollar ansteigen.25 Seit 2011 tritt sie auch in Deutschland auf und gefährdet die Ernte von Kirschen, Weintrauben, Himbeeren, Brombeeren und Erdbeeren.26

Der Verband der kalifornischer Kirschenanbauern, das California Cherry Board, begann im Jahr 2013, die Forschung für einen Gene Drive mit jährlich 100 000 US-Dollar zu finanzieren.27 Eine Forscher*innengruppe an der Universität von San Diego, USA, entwickelte einen sogenannten Medea Drive. Dieser kann wildlebende Populationen auf verschiedene Arten kontrollieren: Die Nachkommen der Fliegen sind entweder nicht lebensfähig oder steril. Diese Auswirkungen können ein Geschlecht oder beide betreffen. In ersten Laborexperimenten war eine hohe Zahl von veränderten Fliegen notwendig, um den Medea Drive in der Population durchzusetzen. Zudem weisen in der freien Natur viele Fliegenpopulationen natürliche Resistenzen auf, die eine Verbreitung des Medea Drive wohl stark behindern würden. Die Forscher*innen vermuten daher, dass eine sehr große Zahl von veränderten Kirschessigfliegen freigesetzt werden müsste, um den Medea Drive für mehrere Jahre in der Population zu halten. Freilandtests sind bisher noch keine geplant.28

Das im Jahr 2017 auf diesen Medea Drive angemeldete Patent29 gilt auch für andere Arten von tropischen Fruchtfliegen sowie für Stechmücken der Gattungen Anopheles und Aedes, die Malaria und zahlreiche Viruserkrankungen übertragen.


Weitere potentielle Zielorganismen für einen Gene Drive sind Blattflöhe. Im Jahr 2005 wurden in den USA erstmals Bakterien nachgewiesen, die Zitrusbäume befallen und deren Früchte ungenießbar machen. Die Verbreitung erfolgt durch eingeschleppte asiatische Blattflöhe, die beim Saugen von Pflanzensaft die Bakterien aufnehmen und dann weitere Bäume infizieren können. Innerhalb von drei Jahren hat sich die Krankheit mit Namen Huanglongbing über die meisten Anbaugebiete Floridas ausgebreitet, die Produktion von Zitrusfrüchten brach dabei um 70 Prozent ein.30 Europa blieb bislang von der Krankheit verschont, eine Verschleppung kann aber nicht ausgeschlossen werden.31

Die Zitrusfrüchteproduzent*innen in Kalifornien erwägen zum Schutz ihrer Anbaugebiete unter anderem auch den Einsatz von Gene Drives.32 Eine Möglichkeit wäre die Freisetzung von Gene Drive Blattflöhen, die die Bakterien nicht übertragen können. Ein Forschungsprojekt hierzu wurde 2017 abgeschlossen und hat eine Reihe von Genen identifiziert, die eine Übertragung verhindern könnten. Ein Gene Drive wurde daraus bislang jedoch noch nicht etabliert.33


Die Neuwelt-Schraubenwurmfliege (Cochliomyia hominivorax) kommt vor allem auf dem amerikanischen Kontinent vor und legt ihre Eier in der Nähe von Körperöffnungen oder offenen Wunden von Säugetieren und Vögeln. Die schlüpfenden Larven fressen sich tief in das Gewebe der befallenen Tiere ein und verursachen schwere Entzündungen. Die Neuwelt-Schraubenwurmfliege befällt auch Nutztiere wie Kühe, Schafe und Ziegen, die ohne tierärztliche Behandlung an der Entzündung sterben können.34

Die Schraubenwurmfliege wurde in den 1960er Jahren auf dem Festland der USA und in Zentralamerika durch die Freisetzung von sterilen männlichen Fliegen ausgerottet. Um eine Neueinwanderung aus Südamerika zu verhindern, wurde eine Schutzzone in Panama eingerichtet, deren Aufrechterhaltung jedoch sehr kostspielig ist. Wissenschaftler*innen der Universität North Carolina in den USA schlugen daher den Einsatz von Gene Drives vor.35 Zudem wäre auch die Ausrottung der Schraubwurmfliege in Südamerika damit denkbar.

Eine internationale Forscher*innengruppe konnte 2019 erstmals mit CRISPR/Cas9 ein Gen der Fliege ausschalten. Dadurch entstanden Weibchen, die männliche Geschlechtsmerkmale aufweisen und vermutlich steril sind36. Dieser Eingriff ist ein erster Schritt zur Entwicklung eines Gene Drive, der die vollständige Ausrottung der Schraubenwurmfliege zum Ziel hätte.

Theoretisch könnten Gene Drives auch bei Pflanzen eingesetzt werden. Die U.S. National Academies of Science identifizierte als eines der möglichen Ziele das Fuchsschwanzgewächs Amaranthus palmeri37, das sich seit den 1990er Jahren in den USA durch den übermäßigen Einsatz von Herbiziden wie Glyphosat zu einem resistenten „Super-Unkraut“ entwickelt hat38. Amaranthus palmeri gehört zu den zweihäusigen Pflanzen, die entweder männliche oder weibliche Blüten ausbilden. Forscher*innen identifizierten kürzlich ein Gen, das die Ausbildung weiblicher Blüten steuert.39 Sollte es möglich werden, dieses Gen durch einen Gene Drive auszuschalten, könnten sich nur noch männliche Pflanzen bilden und eine natürliche Vermehrung unmöglich machen.

Eine andere theoretische Möglichkeit wäre die Rücknahme von Resistenzen gegen gängige Pflanzenschutzmittel, die dutzende Pflanzenarten entwickelt haben und die die industrielle Landwirtschaft vor große Probleme stellt. Hinter diesen Resistenzen stehen genetische Veränderungen, die häufig gut erforscht sind und theoretisch durch einen Gene Drive zurückgenommen werden könnten.40

Vor einer Anwendung von Gene Drives in Pflanzen müssen allerdings noch einige technische Hürden überwunden werden. So arbeitet CRISPR/Cas9 unter diesen Bedingungen nur sehr ineffizient, da pflanzliche Zellen ihr Erbgut meist mit fehleranfälligen Mechanismen reparieren.41 Zudem haben viele Pflanzen deutlich längere Generationszeiten als Insekten: Die Wirkung eines Gene Drives käme also erst nach vielen Jahren zum Tragen. Und letztlich können die Samen mancher Pflanzen jahrelang in der Erde überdauern und den Durchbruch des Gene Drive deutlich verzögern.42 Die Realisierung eines Gene Drives in Pflanzen ist mit dem aktuellen Wissensstand noch nicht möglich.

Diese Abbildung illustriert, in welchen Bereichen Gene Drive Organismen für die landwirtschaftliche Anwendung entwickelt oder in Betracht gezogen werden.

  1. Gene Drives, um z.B. Ratten, Mäuse, Schaben und Motten auszurotten, die Getreidesilos befallen.
  2. Gene Drives, um z.B. die Neuwelt-Schraubenwurmfliege auszurotten, welche ihre Eier in Körperöffnungen und Wunden von Kühen und anderen Nutztieren legt.
  3. Gene Drives zur Ausrottung der Kirschessigflieg, die ihre Eier in reife Früchte, wie z.B. Kirschen legt.
  4. Gene Drives, um z.B. Blattflöhe auszurotten, welche die Cirtrus Greening Krankheit (Huanglongbing) bei Zitrusfrüchten verbreiten.
  5. Gene Drives, um Nematoden auszurotten, die Pflanzenkrankheiten auslösen.
  6. Gene Drives, um z.B. die Kohlmotte zu dezimieren

Gene Drives als Biowaffen
Eine Freisetzung von Gene Drive Organismen kann großflächige und langanhaltende negative Effekte für Ökosysteme und Gesellschaften nach sich ziehen. Allein deshalb könnte selbst eine Freisetzung von Gene Drive Organismen zu zivilen Zwecken zu Konflikten führen, oder als Biowaffen gegen Pflanzen, Tiere und Menschen missbraucht werden. Auch die direkte Entwicklung von Gene Drive Organismen zu feindlichen Zwecken ist denkbar.43

Eine Möglichkeit, wie Gene Drives als Biowaffen eingesetzt werden könnte, wäre, sie zur Ausrottung wichtiger Nutzinsekten für die Landwirtschaft in einer bestimmten Region zu nutzen – ähnlich wie malariaübertragende Mücken dezimiert werden sollen. Solange sich Gene Drives und ihre schädliche Wirkung jedoch noch nicht räumlich oder zeitlich eingrenzen lassen, gibt es wenige überzeugende Szenarien für staatliche Gene Drive Waffenprogramme.44.

Im Spektrum zwischen unerwarteten negativen Effekten von Gene Drive Organismen in der Natur, dem Missbrauch von Gene Drives zu feindlichen Zwecken und der bewussten Entwicklung von Gene Drives zu feindlichen Zwecken gibt es zahlreiche Grauzonen. Der Effekt eines Gene Drives in einer bestimmten Region kann dort als positiv eingeschätzt werden, während die Folgen in anderen betroffenen Regionen unerwünscht oder negativ sein und zu Aufständen oder Konflikten führen könnten. Aus diesem Grund beobachten und diskutieren die Meetings of Experts (MX) der UN-Biowaffenkonvention das Thema seit Jahren kritisch.45

Es gibt jedoch viele Szenarien, in denen die Nutzung von Gene Drives zu Konflikten führen kann: Konflikte können auch über einen mangelnden öffentlichen (oder internationalen) Konsens über eine Freisetzung im eigenen oder im Nachbarland entstehen oder weil dadurch Schäden, z.B. Ernteverluste, Biodiversitätsverlust, oder ungewollte gesundheitliche, soziale oder ökonomische Effekte entstehen, für die es keine angemessene Entschädigung gibt. Allein die ungewollte Präsenz eines GDO in einem Land, das einer Freisetzung nicht zugestimmt hat, kann zu zwischenstaatlichen Konflikten oder diplomatischen Krisen führen.46

Die US-amerikanische Militärbehörde Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) ist eine der größten Geldgeberinnen der Gene Drive Forschung und finanziell in fast jedem Gene Drive Forschungsprojekt involviert.47 Das DARPA Forschungsprogramm mit dem Titel Safe Genes setzt sich zum Ziel, die Effekte von freigesetzten Gene Drive Organismen in der Umwelt zu steuern, zu begrenzen, oder rückzuholen.48

Quellen

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