Startseite

Online-Veranstaltung zu Gene Drives: Mit gentechnischer Ausrottung Menschen und Natur schützen?

Ricarda Steinbrecher, Genetikerin und Vorstandsmitglied des European Networks for Scientists for Social and Environmental Responsibility (ENSSER) betonte, dass es – vor allem zum aktuellen Zeitpunkt – schwer bis unmöglich sei, verlässliche Vorhersagen über die Auswirkungen einer zukünftigen Anwendung von Gene Drives zu machen. Schließlich setze man Organismen frei, die dann selbstständig in der Natur die gentechnischen Veränderungen in jeder Generation von Neuem vornähmen. „Jedes Mal können Fehler eingebaut werden. Jedes Mal kann etwas Anderes noch dazu kommen.“ Um den Erhalt der Biodiversität zu gewährleisten, müsse man sich neue Technologien wie Gene Drives sehr genau anschauen, um sicherzustellen, dass von ihnen keine Risiken für die Ökosysteme ausgingen. Deshalb setzte sie sich bei den internationalen Verhandlungen um die Regulierung der Gene Drive Technologie bei der UN Biodiversitätskonvention stark für das Vorsorgeprinzip ein. Als langjährige wissenschaftliche Beraterin und Teilnehmerin von Expertengruppen innerhalb der UN Biodiversitätskonvention berichtete sie, dass es eine starke Einflussnahme von Lobbygruppen auf diese Expertengremien gebe: So habe die Bill & Melinda Gates Stiftung, einer der Hauptfinanziers der Technologie, 1,6 Millionen. Dollar in eine PR-Agentur gesteckt, um die Akzeptanz von Gene Drives zu erhöhen. Sie schlussfolgerte: „Der Druck das umzusetzen ist nicht angemessen, gegenüber dem Risiko.“

Ali Tapsoba de Goamma, Menschenrechts- und Umweltaktivist aus Burkina Faso und Sprecher eines 40 Organisationen umfassenden zivilgesellschaftlichen Zusammenschlusses für Agrarökologie und gegen Gene Drives (CCAE) berichtete, dass in Burkina Faso seit 2012 das Projekt Target Malaria Faso Vorbereitungen treffe, um mittels Gene Drives malariaübertragende Mücken zu dezimieren. Im Jahr 2019 hätten erste Freiland-Tests mit gentechnisch veränderten, nicht fortpflanzungsfähigen männlichen Mücken stattgefunden, die jedoch noch keinen Gene Drive in sich getragen hätten. Ali Tapsoba de Goamma kritisierte, dass Target Malaria sich für diese Tests zwar das Einverständnis der Regierung und der Dorfvorsteher, nicht aber die Zustimmung der gesamten Bevölkerung von Burkina Faso eingeholt habe. Vielmehr hätten sie es sich zu Nutzen gemacht, dass es in den lokalen Dörfern so viele Analphabeten gebe. Die Mehrheit der Menschen in Burkina Faso sei gegen diese Experimente. Er warf die Frage auf: „Warum probiert man das nicht erst in wissenschaftlich besser ausgestatteten Ländern, sondern in Burkina Faso?“ Aus seiner Sicht sei Burkina Faso in der Lage, die Malaria selbst zu bekämpfen. Dafür brauche es keine Gene Drives, sondern ein gutes Gesundheitskonzept.

Dr. Andreas Wulf, Arzt und Referent für globale Gesundheit bei der medizinischen Nothilfeorganisation Medico International betonte, dass es bei Epidemien wie Malaria auf langfristige Strategien ankäme. Die Idee, eine solche Krankheit mit dem einmaligen Einsatz einer Technologie ohne fortgeführtes Engagement lösen zu wollen, sei bedenklich. Man dürfe sich nicht auf einen solchen „technologischen Fix“ verlassen. Im Gegenteil habe die Erfahrung bei der Bekämpfung anderer Epidemien gezeigt, dass es für den Erfolg der Maßnahmen darauf ankomme, gut mit den Menschen vor Ort zusammenzuarbeiten und lokale Lösungen zu finden. Darüber hinaus kritisierte er aus demokratischer Sicht: „Es ist ein Problem, dass diesen privaten Akteuren, den Unternehmen / Stiftungen so viel Entscheidungsmacht zugesprochen wird. Eine Handvoll Menschen entscheiden, in welchen Bereich der Forschung investiert wird. Zudem wird auch die mediale Berichterstattung zur Forschung von diesen Stiftungen finanziell begleitet.“ Es brauche eine Einbettung dieser privaten Gelder in die öffentlichen Gesundheitssysteme schlussfolgerte Dr. Andreas Wulf.

Mareike Imken, Leiterin der Stop Gene Drive Kampagne von Save Our Seeds legte dar, dass sie mit der europäischen Kampagne, welche von vielen Organisationen europaweit unterstützt werde, eine kritische Diskussion in Gesellschaft und Politik darüber anstoßen wolle, „ob und wenn ja, unter welchen Umständen wir diese Technologie nutzen wollen und welche Einschränkungen sie braucht.“
Sie erklärte weiter: „Mit Gene Drives bekommen wir als Menschheit ein Werkzeug an die Hand, um wildlebende Arten gezielt auszurotten oder zu verändern. In Zeiten eines für die Menschheit existenziellen Artensterbens ist dies zu bedenken und ethisch zu diskutieren. Das sollte nicht leichtfertig von wenigen entschieden werden.“ Auch stellt sie heraus, dass "das Wissen zu Gene Drives noch nicht weit genug fortgeschritten“ ist.
Um Zeit für diese Diskussion, vertiefte Risikoforschung incl. Technikfolgenabschätzung und die Entwicklung international gültiger Regeln und Entscheidungsmechanismen zu haben, brauche es ein globales Moratorium auf die Freisetzung von Gene Drive Organismen. Dieses müsse bei der nächsten Vertragsstaatenkonferenz der UN Biodiversitätskonvention (COP 15) beschlossen werden, um erste Freisetzungsversuche aufzuschieben und abzusichern.

 


78 Verbände fordern EU Kommission zum Stopp der Gene Drive Risikotechnologie auf

In einem offenen Brief rufen 78 Umwelt-, Agrar-, Tierschutz- und Entwicklungsorganisationen aus ganz Europa die EU-Kommission dazu auf, die Freisetzung sogenannter Gene Drive Organismen in der EU und international zu ächten.

Die unterzeichnenden Organisationen, unter ihnen der Deutsche Naturschutzring (DNR), der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Save Our Seeds und die Aurelia Stiftung fordern von der EU, sich auf der nächsten Vertragsstaatenkonferenz (COP 15) der UN-Biodiversitätskonvention für ein globales Moratorium auf die Freisetzung von Gene Drive Organismen einzusetzen. Dasselbe verlangt auch das Europäische Parlament in einem Entschließungsantrag vom Januar dieses Jahres und ist damit einem Aufruf von über 200 Unterzeichner*innen aus Europa und weltweit gefolgt.

„Gene Drives sind ein immenses Risiko für Ökosysteme“, so die unterzeichnenden Verbände einstimmig. "Die EU muss sich für ein globales Moratorium einsetzen und gleichzeitig mit gutem Beispiel vorangehen. Dieser Risikotechnologie muss ein Riegel vorgeschoben werden.“

Mithilfe des Gentechnikverfahrens CRISPR/CAS9 werden im Labor Mücken, Mäuse, Fruchtfliegen und andere Organismen erzeugt, die eine bestimmte Eigenschaft mitsamt dem Mechanismus zur gentechnischen Manipulation künftiger Generationen an sämtliche Nachkommen vererben. So können Gene Drive Organismen ihre Artgenossen in der Natur ersetzen. Die Gene Drive Eigenschaft setzt sich auch dann durch, wenn sie für das Überleben der Art tödlich ist. Eingesetzt werden soll die Technologie zur Bekämpfung sogenannter Agrarschädlinge, invasiver Arten und krankheitsübertragender Insekten.

Thomas Radetzki, Vorstandsvorsitzender der mitunterzeichnenden Aurelia Stiftung kommentiert: „Die Vielfalt der Arten, auch der Bienen und ihrer Lebensräume, ist in existenzieller Weise bedroht. Die Gene Drive Technologie könnte massiv in diese bereits geschädigten Ökosysteme eingreifen. Ihre Risiken sind offenkundig. Die Anwendung der Technologie widerspricht daher dem Vorsorgeprinzip, das sowohl in der EU als auch international die Grundlage für das Naturschutzrecht bildet.“

Mit Blick auf die Risiken für eine intakte Umwelt und die menschliche Gesundheit erklärt Mareike Imken von Save Our Seeds und Initiatorin der europäischen Kampagne „Stop Gene Drives“: „Die von Gene Drive Organismen ausgehenden Umwelt- und Gesundheitsrisiken sind nicht ansatzweise erforscht. Eine Vorhersage, Eingrenzung oder Umkehrung ihrer Effekte in der Natur sind unmöglich. Deshalb ist bereits ihre Erforschung riskant: schon wenige Gene Drive Organismen, die aus dem Labor entkommen, können eine unkontrollierbare gentechnische Kettenreaktion in der Natur auslösen. Ein Moratorium gibt uns die Zeit, offene Fragen zu klären und fehlende Regularien und Entscheidungsmechanismen zu etablieren. Vorher sollte niemand auf der Welt diese Risikotechnologie nutzen.“

„Der Verlust an Biodiversität ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Es ist daher unverantwortlich, Arten und Ökosysteme weiteren Risiken auszusetzen. Eine Freisetzung von Gene Drive Organismen in die Natur ist mit enormen Risiken verbunden und erfordert eine viel umfangreichere Technikfolgenabschätzung, Risikobewertung und Überwachung, als das in Europa und in vielen anderen Ländern aktuell gesetzlich vorgeschrieben wird. Da eine grenzüberschreitende, effektive Kontrolle der Ausbreitung von Gene Drive Organismen nicht möglich ist, gibt es nur eine Möglichkeit: ein weltweites Moratorium“, erläutert Undine Kurth, Vizepräsidentin des Deutschen Naturschutzrings als Mitunterzeichnerin des Briefes.

„Auch Gene Drives werden das Problem von invasiven Arten nicht lösen können - im Gegenteil haben sie das Potential, neue invasive Arten mit unbekannten Eigenschaften zu schaffen“, erklärt Antje von Broock, Geschäftsführerin für Politik und Kommunikation beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): „Mit der kürzlich durch die EU-Kommission vorgestellten EU-Biodiversitätsstrategie will die EU eine globale Vorreiterrolle zum Schutz der Biodiversität einnehmen und dem Artensterben ein Ende setzen.  Wir sagen nein zu Gedankenspielen, mit Gene Drives die gezielte Ausrottung von Arten unter dem Deckmantel des Naturschutzes zu betreiben.“

Abschließend fordern alle Verbandsvertreter*innen die EU dazu auf, zum Schutz von Mensch und Umwelt zu handeln: „Die EU-Kommission und die deutsche Bundesregierung in ihrer Rolle als Vorsitzende des EU-Rats sollten dem Ruf des Europaparlaments folgen und ein vorläufiges Freisetzungsverbot von Gene Drive Organismen auf die internationale Agenda setzen.“

Die gemeinsame Pressemitteilung von BUND, DNR, SOS und der Aurelia Stiftung finden Sie hier:

Hintergrund:

Zum offenen  Verbändebrief an die EU Kommission.

Entschließung des Europäischen Parlaments vom 16. Januar 2020 zu der 15. Tagung der Konferenz der Vertragsparteien (COP15) des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (2019/2824(RSP)).

A Call to Protect Food Systems from Genetic Extinction Technology: The Global Food and Agriculture Movement Says NO to Release of Gene Drives.

Verbändebrief an Europaparlamentarier*innen vom Januar 2020.


Parteien für Gene Drive-Moratorium

Im Vorfeld der Europawahlen sprechen sich SPD, Linke und Grüne für ein Gene Drive Moratorium aus. Die CDU will die Notwendigkeit eines Moratoriums prüfen.
Bei einer Abfrage der Spitzenkandidaten für die Europawahl zu ihrer Haltung bezüglich neuer Gentechnik und Gene Drives zeigt sich die Mehrheit der großen deutschen Parteien besorgt über die Risiken, welche von einer Freisetzung von Gene Drive-Organismen in die Natur ausgehen könnten.

Die SPD hält eine Freisetzung von Gene Drive-Organismen für „nicht mit den Grundsätzen und Zielen des Übereinkommens über die biologische Vielfalt vereinbar.“

Die CDU/CSU verweist insbesondere in Bezug auf das Ausbreitungspotenzial auf „erhebliche Risiken“ durch transgene Gene Drive-Organismen.

Die Linke betonte in ihrer Antwort eine erschwerte Risikobewertung sowie fehlende Rückholoptionen.

Bündnis90/Die Grünen schreiben, es sei „nicht zu verantworten, gentechnisch veränderte Populationen mit einer derartigen Eingriffstiefe in die Umwelt zu entlassen.“  Die Folgen seien nicht abschätzbar, ein sinnvoller Kampf gegen Krankheiten dürfe nicht ganze Ökosysteme verändern. Eine Freisetzung sei „unkontrollierbar und unumkehrbar“.

Zu dem von uns geforderten Gene Drive-Moratorium schreiben die Parteien wörtlich:

CDU/CSU: „In der EU liegen keine Anträge zu Freilandversuchen mit Organismen vor, die mithilfe von Gene Drives verändert wurden. Es sind auch keine Pläne in diese Richtung bekannt. Gleichwohl sprechen sich CDU und CSU dafür aus, dass ergänzende Regelungen oder auch die Notwendigkeit eines Moratoriums geprüft werden.“

SPD: „Wir setzen uns für ein internationales Moratorium von Gene-Drives ein, da der Mangel an Wissen, Daten und Verständnis mit Blick auf ihre potenziellen Auswirkungen auf die biologische Vielfalt zur Folge haben.“

Bündnis90/Die Grünen: „Wir setzen uns für ein weltweites Moratorium gegen den Einsatz von Gene Drives ein. Das ist notwendig um dem Vorsorgeprinzip Rechnung zu tragen und Ökosysteme zu schützen.“

Die LINKE: „DIE LINKE setzt sich deshalb für ein sofortiges Moratorium gegen die Freisetzung von GVO insgesamt und insbesondere GVO mit Gene Drives ein.“

 Die FDP hat unsere Frage leider nicht beantwortet.

Die vollständigen Antworten der Parteien auf unsere Abfrage anlässlich der Europawahlen am 26.05.2019

Antwort von Bündnis90/Die Grünen

Antwort von CDU/CSU

Antwort DIE LINKE

Antwort der SDP


Empfehlung: Stärkung des Vorsorgeprinzips

Vorsorgeprinzip bei Risikobewertung gentechnisch veränderter Organismen

Empfehlung: Stärkung des Vorsorgeprinzips bei der Risikobewertung gentechnisch veränderter Organismen in der EU durch Ausschlusskriterien

Ein Beitrag von Dr. Christoph Then

Das Vorsorgeprinzip, wie es in der EU-Richtlinie 2001/18 verankert ist, kann nur funktionieren, wenn in Fällen, in denen dies notwendig erscheint, auch tatsächlich effektive Maßnahmen zum Schutz der Umwelt und menschlichen Gesundheit ergriffen werden können. Die Rückholbarkeit (zeitliche und räumliche Kontrollierbarkeit) ist dafür eine entscheidende Voraussetzung.

„Die Mitgliedstaaten tragen im Einklang mit dem Vorsorgeprinzip dafür Sorge, dass alle geeigneten Maßnahmen getroffen werden, damit die absichtliche Freisetzung oder das Inverkehrbringen von GVO keine schädlichen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt hat“ (EU-Richtlinie 2001/18, Artikel 1). Sobald sich dabei Erkenntnisse für eine tatsächliche Gefährdung von Mensch und Umwelt ergeben, müssen Notfallmaßnahmen ergriffen werden: „Die Mitgliedstaaten stellen sicher, dass im Falle einer ernsten Gefahr Notfallmaßnahmen, beispielsweise die Aussetzung oder Beendigung des Inverkehrbringens, getroffen werden […]” (EU-Richtlinie 2001/18, Artikel 23). Hinzu kommt die Vorschrift aus Artikel 13 der Richtlinie, dass die Bewilligung der Marktzulassung nur für zehn Jahre erfolgen darf. Danach muss die Zulassung auf Basis eines Monitorings erneut überprüft werden. Verliert der gentechnisch veränderte Organismus seine Zulassung, muss er wieder aus der Umwelt entfernt werden.

Die Freisetzung oder Inverkehrbringung von gentechnisch veränderten Organismen, deren Ausbreitung nicht kontrolliert werden kann, stehen mit diesen Bestimmungen grundsätzlich in Konflikt. Kann ein GVO nicht mehr aus der Umwelt zurückgeholt werden, läuft das Vorsorgeprinzip faktisch ins Leere.

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierte Projekt GeneTip[1] beschäftigte sich in diesem Kontext als erstes Forschungsprojekt in Deutschland mit der prospektiven Technologiebewertung von Gene Drive Organismen. Ein Ergebnis des Projektes ist die Empfehlung, einen neuen zentralen Mechanismus für die Risikobewertung von GVO einzuführen: die Benennung und Definition sogenannter Besorgnisgründe (vereinfacht gesagt, sachlich begründeten Risiken). Solche Besorgnisgründe sind häufig bereits zu einem frühen Stadium der Forschung und Entwicklung identifizierbar und könnten zu der Charakterisierung eines GVO als “besonders besorgniserregend” führen. Zu diesem Zweck schlagen die Autor*innen unter anderem folgende Kriterien für die Identifizierung von Besorgnisgründen vor:

  • Unmöglichkeit der Erstellung von belastbaren Prognosen
  • Eingriffe in Systeme, die für die menschliche Gesundheit besonders kritisch sind
  • Eingriff in ökologische Systeme, die vorbelastet sind oder Kipp-Punkte aufweisen
  • Mangelnde technische Ausgereiftheit und Verlässlichkeit
  • Besonders große Reichweite, bis hin zur globalen und irreversiblen Ausbreitung von GVO
  • Die Fähigkeit zur Ausbreitung in natürlichen Populationen

Eine Charakterisierung als besonders besorgniserregender GVO oder Konstrukt könnte nach dem Ergebnisbericht des GeneTip Projektes zu den gleichen Konsequenzen führen, wie das bei der EU-Chemikaliengesetzgebung REACH beziehungsweise der EU-Pestizidgesetzgebung bereits der Fall ist. Hier spielt die Abschätzung der räumlich-zeitlichen Komplexität bzw. Kontrollierbarkeit eine wichtige Rolle.

In der REACH-Verordnung heißt es: „Erfahrungen auf internationaler Ebene zeigen, dass Stoffe mit persistenten, bioakkumulierbaren und toxischen Eigenschaften oder mit sehr persistenten und sehr bioakkumulierbaren Eigenschaften besonders besorgniserregend sind.“[2] Deshalb wurden in REACH entsprechende Kriterien zur Definition von persistenten, bioakkumulativen und toxischen Stoffen sowie für besonders bioakkumulative und persistente Substanzen festgelegt.

Die EU-Verordnung zur Zulassung von Pestiziden[3] integriert diese Kriterien für POP (persistent organic pollutant), PBT (persistent, bioaccumulative, toxic) und vPvB (very persistent, very bioaccumulative) in den Entscheidungsprozess als Ausschlusskriterien, die dazu führen, dass eine Zulassung generell verweigert werden kann und der Zulassungsprozess nicht fortgeführt wird. Entscheidend ist nicht allein die Giftigkeit einer Substanz, sondern auch ihr Verhalten und Verbleib in der Umwelt. Wenn eine Substanz als vPvB eingestuft wird, kann sie nach dieser EU-Verordnung nicht zugelassen werden, auch wenn Langzeitschäden nicht nachgewiesen sind.

Nach dem Endbericht von GeneTip könnten solche Ausschlusskriterien (cut-off criteria) auch bei der Zulassung von GVO und Gene Drive Organismen hilfreich sein. Wenn sich gentechnisch veränderte Organismen der räumlich-zeitlichen Kontrollierbarkeit entziehen, weil sie sich in natürlichen Populationen vermehren können, ohne dass ihre Persistenz und Ausbreitung effektiv zu kontrollieren ist, wäre eine ausreichend verlässliche Risikobewertung nicht möglich. Der Zulassungsprozess kann nicht fortgeführt und eine Freisetzung der GVO nicht genehmigt werden.

Die Ergebnisse von GeneTip wurden seitens der Expertengruppe (AHTEG) zur Beratung der Vertragsstaatenkonferenz der UN Biodiversitätskonvention berücksichtigt. Unter anderem werden unvorhergesehene Effekte, die erst nach einigen Generationen auftreten, als spezifische Herausforderung für die Risikobewertung benannt.[4] Die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA dagegen ignoriert diese Herausforderungen in ihrem im November 2020 vorgelegten Bericht weitgehend.

Dr. Christoph Then ist Leiter des Instituts für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie (TestBiotech) und Mitautor des GeneTip Projekts. Testbiotech befasst sich mit der Folgenabschätzung im Bereich der Biotechnologie, fordert und fördert unabhängige Forschung, untersucht ethische als auch wirtschaftliche Folgen und prüft Risiken für Mensch und Umwelt. Testbiotech stellt industrie-unabhängige Expertise zur Verfügung und will so die Entscheidungskompetenz der Gesellschaft stärken.

 

 

 

————

[1] 121 Gene Tip Website (ohne Jahr). Testbiotech e.V. Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie. BioTip-Pilotstudie: Genetische Innovationen als Auslöser von Phasenübergängen in der Populationsdynamik von Tieren und Pflanzen (GeneTip). Online: https://www.genetip.de/de/biotip-pilotstudie/ [letzter Zugriff: 07.12.2020]

[2]  EUR-Lex Website (2006). Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union. Verordnung (EG) Nr 1907/2006 des europäischen Parlaments und des Rates vom 18. Dezember 2006 zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH), zur Schaffung einer Europäischen Agentur für chemische Stoffe, zur Änderung der Richtlinie 1999/45/EG und zur Aufhebung der Verordnung (EWG) Nr. 793/93 des Rates, der Verordnung (EG) Nr. 1488/94 der Kommission, der Richtlinie 76/769/EWG des Rates sowie der Richtlinien 91/155/EWG, 93/67/EWG, 93/105/EG und 2000/21/EG der Kommission. Online: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32006R1907&from=EN [letzter Zugriff: 07.12.2020]

[3]     EUR-Lex Website (2009). Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union. Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 21. Oktober 2009 über das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln und zur Aufhebung der Richtlinien 79/117/EWG und 91/414/EWG des Rates. Online: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=celex:32009R1107 [letzter Zugriff: 07.12.2020]

[4] Convention on Biological Diversity. Ad Hoc Technical Expert Group on Risk Assessment (2020). Report of the Ad Hoc Technical Expert Group on Risk Assessment. CBD/CP/RA/AHTEG/2020/1/5. 15. April 2020, Montreal, Canada. Online: https://www.cbd.int/doc/c/a763/e248/4fa326e03e3c126b9615e95d/cp-ra-ahteg-2020-01-05-en.pdf


IUCN: Die Diskussion um Gene Drives

Die Diskussion um Gene Drives in der Weltnaturschutzunion (IUCN)

Angesichts der Möglichkeit, eingeschleppte invasive Arten mittels Gene Drive aus empfindlichen Ökosystemen zu entfernen, diskutiert auch die International Union for Conservation of Nature (IUCN), auch Weltnaturschutzunion genannt, seit Ende 2015 über den Umgang mit dieser Technologie.

Bei ihrer Mitgliederversammlung im September 2016 auf Hawaii verabschiedete die IUCN eine Resolution¹, mit der sie sich unter anderem selbst den Auftrag erteilte, einen wissenschaftlichen Bericht zu den Auswirkungen der synthetischen Biologie und Gene Drives für den Schutz der Biodiversität zu erstellen. Auf Grundlage dieses wissenschaftlichen Berichts wollte die IUCN ursprünglich bei ihrer darauf folgenden Mitgliederversammlung im Jahr 2020 eine Position zur Rolle der Gene Drive Technologie für den Naturschutz beziehen.
Unter anderem durch öffentlichen Protest und auf Hinwirken von Koryphäen des weltweiten Natur- und Artenschutzes² verpflichtete sich die IUCN in ihrer Resolution aus dem Jahr 2016 darauf, bis zum Vorliegen dieses Berichts von jeglicher Unterstützung oder Befürwortung von Forschung, Feldversuchen oder Nutzung der Gene Drive Technologie abzusehen.

Der Bericht mit dem Titel Genetic frontiers for conservation³ wurde im Mai 2019 veröffentlicht und traf sowohl aufseiten von IUCN Mitgliedsorganisationen als auch aufseiten von Naturschutz- und Entwicklungsorganisationen aus aller Welt auf harsche Kritik.

Eine von der kanadischen Nichtregierungsorganisation ETC Group durchgeführte Analyse⁴ kam zu dem Schluss, dass eine Mehrzahl der Autor*innen des Berichts bekannte Befürworter*innen der Gentechnik seien und zum Teil aufgrund ihrer wirtschaftlichen Eigeninteressen an der Entwicklung der untersuchten Technologien nicht von der IUCN hätten engagiert werden dürfen. In einem daraufhin von 231 zivilgesellschaftlichen Organisationen und mehreren Wissenschaftler*innen unterzeichneten offenen Brief wurde der Bericht als „bedauerlicherweise einseitig“, „voreingenommen“ und „ungeeignet für die vorgesehene politische Diskussion“ kritisiert. Dieser Bericht stehe nicht im Einklang mit den Vorsorgeerwägungen der Resolution von Hawaii. Die unterzeichnenden Organisationen forderten die IUCN deshalb dazu auf, einen weiteren wissenschaftlichen Bericht auf Basis einer vorsorgeorientierten Analyse der Risiken der Technologie in Auftrag zu geben und mit einer Beschlussfassung zum Thema bis zum Vorliegen eines solchen Gegenberichts zu warten.⁵

In eine ähnliche Richtung ging die Forderung eines Briefes von 23 IUCN Mitgliedern vom Oktober 2019 an den IUCN Council. Es brauche mehr Zeit für eine grundlegende, umfassende, ausgewogene Diskussion auf Grundlage des Vorsorgeprinzips mit größerer Einbindung von IUCN Mitgliedern vor einer Beschlussfassung der IUCN.⁶

Konfrontiert mit dieser Kritik zog der IUCN Council seinen Plan zurück, bereits bei seinem ursprünglich im Juni 2020 geplanten Mitgliederprozess eine Position beschließen zu wollen. Stattdessen wurden in einer mitgliederoffenen Konsultation Prinzipien⁷ für die Diskussion rund um das Thema festgelegt. Diese sollen beim IUCN Weltnaturschutzkongress im Jahr 2021 abgestimmt werden und als Grundlage für eine Positionsfindung zum Thema bis zum darauffolgenden Mitgliederkongress dienen.

 

 


[1] IUCN Library System Website (2016). IUCN, International Union for Conservation of Nature Resolution; c2020. WCC-2016-Res-086 – Development of IUCN policy on biodiversity conservation and synthetic biology. World Conservation Congress; 2016; Hawaii. Online: https://portals.iucn.org/library/sites/library/files/resrecfiles/WCC_2016_RES_086_EN.pdf
[letzter Zugriff: 07.12.2020]
[2]  SynBioWatch Website (2016). A Call for Conservation with a Conscience. No Place for Gene Drives in Conservation. Online:
http://www.synbiowatch.org/wp-content/uploads/2016/09/letter_vs_genedrives.pdf [letzter Zugriff: 07.12.2020]
[3] Redford KH, Brooks TM, Macfarlane NBW, Adams JS (2019). Genetic frontiers for conservation: an assessment of synthetic
biology and biodiversity conservation: technical assessment. IUCN Publication. Online: https://portals.iucn.org/library/node/48408
[letzter Zugriff: 07.12.2020]
[4] ETC Group Website (2019). ETC Group. Driving Under The Influence? A review of the evidence for bias and conflict of interest in the IUCN report on synthetic biology and gene drive organisms. Online: https://www.etcgroup.org/sites/www.etcgroup.org/files/files/etc-iucn-driving_under_influence.pdf [letzter Zugriff: 07.12.2020]
[5] GeneWatch UK Website (2019). GeneWatch UK. Open letter to the IUCN regarding the report Genetic Frontiers for Conservation. Online: http://www.genewatch.org/uploads/f03c6d66a9b354535738483c1c3d49e4/IUCN_let_16July2019.pdf
[letzter Zugriff: 07.12.2020]
[6] Institute for Nature Conservation in Albania Website (2019). Instituti për Ruajtjen e Natyrës në Shqipëri. Open Letter by the undersigned IUCN Members to the IUCN Council. Online: https://inca-al.org/sq/postimet/njoftime/open-letter-by-the-undersigned-iucn-members-to-the-iucn-council [letzter Zugriff: 23.03.2021]
[7] IUCN Congress 2020 Website (2020). IUCN; c2020. 075 – IUCN Principles on Synthetic Biology and Biodiversity Conservation. Online: https://www.iucncongress2020.org/motion/075 [letzter Zugriff: 07.12.2020]


Termine

Termine

„Stop Gene Drives“ – Informationsstand beim IUCN Weltkongress

Samstag, 04.09. 2021 – Freitag, 10.09.2021 // 10.00 – 22.00 Uhr
Informationsstand „Stop Gene Drives“ in der Ausstellung des IUCN-Weltkongresses, Neutral zone – Stand A 2

Öffentliche Veranstaltung im Rahmen des IUCN-Weltkongresses

Samstag, 04.09. 2021 // 18.30 – 20.30 Uhr
Öffentliche Veranstaltung im Rahmen des IUCN-Weltkongresses:
„Ökosystemtechnik und Artenausrottung durch Gentechnik? Grundlegende Fragen des Naturschutzes.
Nur vor Ort; Halle: H8 – Palais de l’Europe; Raum: H8 – 2 Forêt d’Orient

Pressekonferenz Gentechnisch veränderte Ökosysteme?

Montag, 06.09.2021 // 10.00 – 10.30 Uhr
Vor Ort: Raum: H9 – B 11 Pressekonferenzraum – Callelongue
Pressekonferenz „Gentechnisch veränderte Ökosysteme? – Naturschutz am Wendepunkt“.
Live-Stream für akkreditierte Journalisten und registrierte Teilnehmer über https://www.iucncongress2020.org/
Sprache: Die Sitzung wird auf Englisch abgehalten und gedolmetscht.
Im IUCN-Programm: https://www.iucncongress2020.org/
programme/official-programme/session-52577