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Mosquito sitting on a yellow and white flower.

Welt Malaria Tag

Welche Risiken sind wir bereit einzugehen, um Malaria (vielleicht) zu beenden?

Nach einem enormen Rückgang der Malariafälle in den letzten zwei Jahrzehnten ist Malaria wieder auf dem Vormarsch. Im Jahr 2020 starben 677.000 Menschen an Malaria, darunter sind 80 % Kinder unter 5 Jahren. Malaria ist nicht nur tödlich, sondern verschlechtert auch die Lebensgrundlagen ganzer Familien, Gemeinschaften und Länder: Bauern, die ihr Saatgut nicht rechtzeitig aussäen können, Mütter, die ihre Erträge nicht auf den Märkten verkaufen können, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, oder Kinder, die nicht zur Schule gehen und von Bildung profitieren können – ein Teufelskreis der Armut. Einige Wissenschaftler:innen schlagen jetzt vor, dass eine neue Technologie namens Gene Drive einen Wendepunkt bei der Malariabekämpfung darstellen könnte.

Gene Drives – die Manipulation der DNA von Mücken, um ein Ausrottungs-Gen weiterzuvererben

Das Forschungskonsortium Target Malaria, das hauptsächlich von der Bill & Melinda Gates Foundation und dem Open Philanthropy Fund finanziert wird, entwickelt im Labor gentechnisch veränderte Stechmücken, die entweder alle Nachkommen männlich oder alle weiblichen Nachkommen unfruchtbar machen würden. Sie verwenden die Crispr-Cas-Methode, um ein System in die DNA einzupflanzen, das sich bei der Paarung der Mücken repliziert und dafür sorgt, dass sich dieses Gen in der wilden Mückenpopulation verbreitet. Während einige hoffen, dass dies die Wunderwaffe zur Unterdrückung von Mückepopulationen und zur Unterbrechung des Übertragungszyklus sein könnte, wirft diese bislang ungetestete, risikoreiche Technologie grundlegende Fragen für die Menschheit auf: Wie weit sind wir bereit zu gehen, wie hoch dürfen die Risiken und Ungewissheiten sein, um eine Hypothese zu testen?

Die Risiken von Gene-Drive-Mücken

Die Risiken und Folgen der Gentechnik sind sehr schwer abzuschätzen, vor allem, wenn der Organismus in freier Wildbahn lebt und sich dort fortpflanztl. Denn Gene beeinflussen nicht nur die körperliche Gestalt von Tieren, sondern auch ihr Verhalten, ihre Interaktionen mit anderen Arten und die Art und Weise, wie Bakterien und Parasiten sie beeinflussen. Eine Unterdrückung bzw. Ausrottung von Genen hätte Auswirkungen auf das gesamte Nahrungsnetz und würde wahrscheinlich bedeuten, dass ihre ökologische Nische von einer anderen Art eingenommen wird und dass dem Plasmodium-Parasiten (welcher die Malaria verursacht) ein Wirt fehlt. Mit unbekannten Folgen. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass die  gentechnisch veränderten Gene von den Mücken durch „horizontalen Gentransfer“ an andere Arten weitergegeben werden und auch deren Populationen dezimieren. Wenn dies so genannte ‘wichtige Arten’ betreffen würde, könnten die Ökosysteme zusammenbrechen oder schwer geschädigt werden.

Zum jetzigen Zeitpunkt der Forschung wissen die Wissenschaftler nicht, ob die Gene für den Menschen giftig sein könnten oder allergische Reaktionen hervorrufen. Außerdem könnte die zu erwartende Verhaltensänderung der Mücken zu vermehrten Stichen und einer verstärkten Übertragung von Malaria führen. Wenn Menschen Tiere essen, die sich vorher von gentechnisch veränderten Mücken ernährt haben, könnten sie auch unter sekundären toxischen Wirkungen und allergischen Reaktionen leiden. Und nicht zuletzt könnte, wenn die Anopheles-Gambiae-Mücke ausgerottet wird, eine andere Mücke ihren Platz einnehmen und die Belastung durch andere Krankheiten erhöhen.

Gentechnisch veränderte Stechmücken könnten – wie beim Menschen – giftig für die Viehbestände sein, neue Krankheiten übertragen oder sogar – kontraintuitiv – die Übertragung von Malaria verstärken.

Mückenlarven spielen in Gewässern eine wichtige Rolle. Gentechnisch veränderte Larven könnten giftig sein und sich negativ auf das Trinkwasser sowie die Flora und Fauna von Gewässern auswirken.

Da diese Technologie noch sehr neu ist, stehen Studien und Diskussionen über ihre Risiken und möglichen negativen Folgen sowie über die Art der erforderlichen globalen Governance und internationalen Regulierung natürlich noch ganz am Anfang. So wurden beispielsweise noch nicht einmal Leitfäden für die Risikobewertung von der Weltgemeinschaft in Auftrag gegeben. Hinzu kommt, dass eine Fülle wichtiger politischer, sozioökonomischer, kultureller und ethischer Fragen unbehandelt und unbeantwortet bleibt.  Wer sollte beispielsweise in den Entscheidungsprozess einbezogen werden und wer sollte vor einer Freisetzung konsultiert werden?  Würde es ausreichen, dass eine nationale Regierung, wie die burkinische Regierung, eine solche Freilassung genehmigt und die örtlichen Dorfvorsteher:innen ihre Zustimmung geben?  Wie müssten Entscheidungsprozesse gestaltet werden, um die international verankerten Rechte indigener Völker und lokaler Gemeinschaften zu wahren, sich gegen Projekte auszusprechen zu können, die sie und ihre Gebiete oder Lebensweise beeinträchtigen könnten? Wer wäre verantwortlich und wer müsste für Entschädigungen aufkommen, wenn die Gene Drive Mücken Grenzen überschreiten und negative Auswirkungen auf Ökosysteme oder die Landwirtschaft haben?

Gleichzeitig gibt es bereits Maßnahmen, die in der Vergangenheit dazu beigetragen haben, Malaria in Ländern wie zuletzt China und El Salvador zu beenden. Diese beiden Länder sind seit 2021 offiziell von der WHO als malariafrei erklärt worden, und folgen auf Algerien und Argentinien im Jahr 2019.

Was waren bisher die erfolgreichsten Mittel zur Malariabekämpfung?

Untersuchungen zeigen, dass das wichtigste Instrument für den Rückgang der Malaria seit dem Jahr 2000 mit insektizid behandelte Bettnetze sind. Etwa 65 % der zwischen 2000 und 2015 erzielten Fortschritte sind auf den Einsatz dieser Netze zurückzuführen.

Schlechte Wasser- und Sanitärverhältnisse werden mit einer Reihe von Krankheiten in Verbindung gebracht, unter anderem mit dem Auftreten von Malaria. Eine bessere Abwasserentsorgung wäre ein ganzheitlicher Ansatz zur Bekämpfung von Malaria und gleichzeitig zur Bekämpfung von Durchfallerkrankungen und Infektionen der Atemwege, an denen jedes Jahr Millionen von Kindern sterben. Weitere Untersuchungen zeigen, dass gute sanitäre Einrichtungen und Wasserleitungen mit einem geringeren Auftreten von Malaria in der Bevölkerung verbunden sind. Dr. Sory, Epidemiologe und Berater im Bereich öffentliche Gesundheit, teilt diese Ansicht und glaubt, dass Abwassersysteme die Malariabelastung erheblich verringern würden.

Artemisinin, ein traditionelle Heilmittel gegen Malaria, wurde von der Nobelpreisträgerin Tu Youyou wiederentdeckt. Artemisinin ist ein Bestandteil der Artemisia-Pflanze. Medikamente gegen Malaria enthalten heute oft Artemisinin und können alle heute vorkommenden Malariaarten heilen. Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass ein mit der Artemisia-Pflanze zubereiteter Tee präventive und heilende Wirkungen haben kann. Es scheint, dass eine andere Pflanze aus der Familie der Artemisia, Artemisia Afra, ähnliche Wirkungen haben könnte, ganz ohne Artemisinin zu enthalten. Lucile Cornet-Vernet und Arnaud Nouvion von der Maison de l’Artémisia erklärten in unserem Interview, es seien weitere klinische Studien erforderlich, um ein für alle Mal zu beweisen, dass diese Pflanzen wirken. Bislang fordert die WHO, die Pflanze nicht als Tee zu verwenden, um keine Resistenz gegen Artemisinin zu verursachen. Resistenzen gegen Artemisinin sind in Südostasien entdeckt worden, aber bisher nicht in Afrika. Lucile Cornet-Vernet weist darauf hin, dass die Pflanze in China seit etwa 2000 Jahren verwendet wird und dort noch keine Resistenzen entdeckt wurden. Außerdem enthält die Pflanze eine Vielzahl von Bestandteilen, die Malaria heilen könnte, so dass sie eine „Polytherapie“ darstellt. Der Zugang zu Ärzten und Ärztinnen, die Malaria diagnostizieren und das Medikament verschreiben, sowie die finanziellen Mittel, um sie sich leisten zu können, sind hier der limitierende Faktor. Aber auch der Zugang zu Saatgut oder Artemisia-Blättern, um sich selbst zu heilen, könnte nützlich sein, wenn klinische Studien durchgeführt werden können und kein Zusammenhang mit der Entstehung von Resistenzen hergestellt werden kann.

Es gibt eine Vielzahl von Mückenschutzmitteln, die den Menschen zwischen 3 bis 10 Stunden vor Mückenstichen schützen können. Da die meisten Mücken abends/nachts stechen, ist dieser Schutz sehr hilfreich, wenn man spät abends unterwegs ist. Viele von ihnen haben chemische Inhaltsstoffe, einige pflanzliche. Von denen mit pflanzlichen Wirkstoffen empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und globale Gesundheit nur solche mit Zitroneneukalyptusöl und weist darauf hin, dass für die anderen pflanzlichen Abwehrsprays zu wenig Studien durchgeführt wurden. Dies könnte ein Weg sein, den es zu erforschen lohnt.

Eine frühzeitige Erkennung der Malaria hilft erstens den Menschen, so schnell wie möglich die benötigten Medikamente zu erhalten und die Auswirkungen der Krankheit so gering wie möglich zu halten. Zweitens trägt sie dazu bei, das Risiko eines lokalen Ausbruchs in einer Gemeinschaft zu verringern.

Warum gibt es dann immer noch Malaria auf der Welt?

Um Malaria zu bekämpfen, müssen alle oben genannten Maßnahmen ergriffen werden, von der Vorbeugung durch Netze und Mückensprays bis hin zum Zugang zu Schnelltests, um die Infektionskette zu unterbrechen, und zum Zugang zu Medikamenten, um Menschen innerhalb weniger Stunden nach dem Stich zu behandeln. Darüber hinaus ist ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich, der Stadtplanung, Bildung, Abwassersysteme und Zugang zu medizinischer Versorgung umfasst, um Malaria zu bekämpfen – wie auch viele andere Krankheiten, die Menschen in Armut gefangen halten und einen Teufelskreis schaffen.

Was fordert die Stop Gene Drives Kampagne?

In Anbetracht der enormen Bandbreite an bisher nicht erfassten Umwelt-, Gesundheits- und sozioökonomischer Gefahren, des wirtschaftlichen und politischen Konfliktpotenzials und einer Fülle sozialer, ethischer und kultureller Vorbehalte gegenüber dem Einsatz der Gene-Drive-Technologie in der Umwelt, fordert die Stop Gene Drive Kampagne ein weltweites Moratorium auf die Freisetzung von Gene-Drive-Organismen. Das bedeutet, dass kein Gene-Drive-Organismus in die Umwelt freigesetzt werden sollte – auch nicht für Feldversuche – solange nicht eine Reihe von Bedingungen erfüllt sind. Lesen Sie unsere politischen Empfehlungen hier.

In der Zwischenzeit empfehlen wir, die Finanzierungsmittel zur Bekämpfung der Malaria auf die Stärkung der lokalen Gesundheitssysteme, die Abwasserentsorgung und die Bildung zu konzentrieren, um den Kampf gegen Malaria zu einem übergreifenden Ansatz für die Bekämpfung von Armut und vernachlässigten Krankheiten im Allgemeinen zu machen.

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Weitere Ressourcen:

Lest mehr über potentielle Anwendungen von gene drives hier

Lest unsere  FAQ zu Gene Drives hier

Lest mehr zur Regulierung von Gene Drives hier

Lest unsere Interviews mit Expert:innen hier

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Quellen:

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UN Logo auf blauem Grund

Internationale Verhandlungen zu Gene Drives nehmen Fahrt auf

Die UN-Konvention über die biologische Vielfalt (UN CBD) und ihre Unterprotokolle sind die weltweit wichtigsten Foren zur Festlegung international verbindlicher Regelungen für die Gene-Drive-Technologie. Zum ersten Mal seit Beginn der COVID-Pandemie - nach mehr als zwei Jahren wiederholter Verschiebungen und Online-Sitzungen - trafen sich Regierungsvertreter:innen, Vertreter:innen der Zivilgesellschaft, Wissenschaftler:innen und Wirtschaftslobbyisten wieder in Persona, um die internationalen Verhandlungen vom 14. bis 29. März 2022 in Genf (Schweiz) aufzunehmen.

Während der zweieinhalb wöchigen Konferenz wurde in drei verschiedenen Gremien eine Reihe von Themen diskutiert, die zuvor in mehreren Online-Sitzungen erörtert worden waren.

Im Mittelpunkt der Genfer Treffen standen die Verhandlungen über das so genannte Post-2020 Global Biodiversity Framework (GBF), mit dem der globale Biodiversitätsverlust bis 2050 durch ein ganzheitliches Paket von Zielen und Maßnahmen gebremst und umgekehrt werden soll. Diese Vereinbarung wird auf der 15. Tagung der Vertragsparteien (COP 15) der UN-Biodiversitätskonvention (CBD), die im August 2022 in Kunming, China, stattfinden soll, abgeschlossen und zur Abstimmung gestellt.

Globaler Rahmen für die biologische Vielfalt, Ziel 17 - Verhinderung von Schäden durch Biotechnologien

Im Hinblick auf die Regulierung von Biotechnologien wie Gene Drives waren die Diskussionen um Ziel 17 von besonderer Bedeutung. Mit diesem Ziel sollen Schutz-Maßnahmen für die biologische Vielfalt vor den Auswirkungen von Biotechnologien verstärkt werden. Die Stop Gene Drive Kampagne, als Teil der CBD Alliance - einem Zusammenschluss gleichgesinnter, zivilgesellschaftlicher Organisationen -  forderte die Einführung eines Prozesses zur Antizipierung, Überwachung und Regulierung neuartiger Biotechnologien, sodass negative Auswirkungen auf die Biodiversität vermieden werden können. Die CBD Alliance betonte in diesem Zusammenhang auch die Notwendigkeit, die Rechte potenziell betroffener indigener Völker und lokaler Gemeinschaften zu wahren - insbesondere deren Recht, sich gegen den Einsatz von Biotechnologien auszusprechen, die sich negativ auf ihre Territorien und ihre Gewässer auswirken könnten. Im Ziel 17 sollte weiterhin festgelegt werden, auf welche Weise Schäden, die trotz Vorkehrungen entstehen, zu entschädigen sind.

Während CBD-Vertragsparteien wie Bolivien, Äthiopien und Mexiko die Aufnahme dieser Elemente in den Text forderten, versuchten andere Vertragsparteien, allen voran Brasilien, den Zweck dieses Ziels zu untergraben, indem sie einen Absatz über den potenziellen positiven Nutzen der Biotechnologien für die biologische Vielfalt einfügten. Während die CBD-Alliance dazu aufrief, ein breites Spektrum von Technologien im Rahmen dieses Ziels zu erfassen, versuchten einige Parteien durch spezifische Definitionen die Arten von Technologien, die überwacht werden sollten, einzuschränken. Dies ist der Textentwurf, der das Resultat dieser Diskussionsbeiträge auch aus vergangenen Treffen widerspiegelt.

SBSTTA - Tagesordnungspunkte 4 und 5: Bewertung der Gene-Drive-Technologie

Während die Diskussionen rund um das GBF hauptsächlich von einem Gremium namens "Open Ended Working Group" geführt wurden, fand in Genf auch die Sitzung eines beratenden Gremiums der CBD, dem "Subsidiary Body on Scientific, Technical Technological Advice" (SBSTTA) statt, welches allgemeine und langjährige Fragen im Rahmen des Übereinkommens über die biologische Vielfalt erörtert und Texte zur Annahme durch die COP vorbereitet. Einige davon sind im Hinblick auf die Regulierung der Gene Drive Technologie von besonderem Interesse:

SBSTTA  Punkt 4 befasst sich mit dem Thema der synthetischen Biologie, einem aufstrebenden Bereich der Biotechnologie, der darauf abzielt, neue lebende Organismen im Labor zu gestalten oder zu erschaffen, die in der Natur nicht vorkommen.

Der aktuelle Stand der Verhandlungen zu diesem Punkt spiegelt sich in Empfehlungsentwürfen zur synthetischen Biologie wider und ist das Ergebnis von Online-Verhandlungen, die im April und Mai 2021 stattfanden. Die Diskussionen konzentrierten sich auf die Einrichtung eines Prozesses im Rahmen der CBD, um neue technologische Entwicklungen im Bereich der synthetischen Biologie (wie Gene Drives) und ihre potenziellen Auswirkungen auf die biologische Vielfalt zu antizipieren, zu überwachen und zu bewerten. Die Stop Gene Drive-Kampagne begrüßt die Einrichtung eines langfristigen Überwachungsprozesses und befürwortet die Bildung einer multidisziplinären technischen Expertengruppe (MTEG). Um die möglichen Auswirkungen dieser Technologien zu bewerten sollten dieser Gruppe Expert*innen aus vielen wissenschaftlichen Disziplinien angehören und die ein breites Spektrum an Wissenssystemen repräsentieren. Die Stop Gene Drive Kampagne betont, dass der von dieser Gruppe geleitete Bewertungsprozess sozioökonomische, kulturelle, ethische und gesundheitliche Fragen berücksichtigen muss. Die Stop Gene Drive Kampagne fordert außerdem, dass die Freisetzung von Gene-Drive-Organismen in die Natur das Vorsorgeprinzip umsetzen  muss und dass zu diesem Zweck weitere Bedingungen festgelegt und erfüllt werden müssen, bevor eine Freisetzung in die Umwelt überhaupt in Betracht gezogen werden sollte. Aus Zeitgründen wurde dieser Tagesordnungspunkt in Genf nicht diskutiert, sondern zur weiteren Erörterung auf der COP vertagt.

SBSTTA Punkt 5 befasst sich mit der Risikobewertung von gentechnisch veränderten Organismen (lebenden, modifizierten Organismen, LMO). Dieser spezielle Bereich ist Gegenstand eines rechtsverbindlichen Unterprotokolls der Biodiversitätskonvention, des so genannten Cartagena-Protokolls, das nur von einem Teil der Vertragsparteien unterzeichnet wurde.

Der aktuelle Verhandlungsstand des Entwurfs der Empfehlungen zur Risikobewertung ist das Ergebnis virtueller Online-Verhandlungen, die im April und Mai 2021 stattfanden. Im Mittelpunkt der Diskussionen stand die Frage, ob (zusätzliche) unverbindliche Leitfäden zur Umweltverträglichkeitsprüfung von Gene Drive Organismen erstellt werden sollen. Strittige Punkte bei der Diskussion darum waren der Umfang dieser Leitfäden und die Zusammensetzung der Redaktionsgruppe. Die Stop Gene Drive Kampagne begrüßt die Erstellung solcher Leitfäden. Sie sollten sich mit den spezifischen Risiken von Gene-Drive-Organismen im Allgemeinen befassen (im Gegensatz zu Leitlinien, die nur Gene-Drive-Mücken abdecken). Die Empfehlungen sollten von einer heterogenen und transdisziplinären Gruppe von Experten, einschließlich Organisationen der Zivilgesellschaft und indigener Völker, ausgearbeitet werden und das Vorsorgeprinzip umsetzen. Aus Zeitgründen wurde dieser Tagesordnungspunkt in Genf nicht diskutiert, sondern zur weiteren Erörterung auf der COP vertagt.

SBSTTA Punkt 6 befasst sich mit dem Thema invasiver (gebietsfremder) Arten, die als einer der drei Hauptgründe für den Verlust der biologischen Vielfalt gelten. Gene Drives werden von einigen zur Bekämpfung invasiver Arten ins Gespräch gebracht.

Während der Diskussionen zu diesem Tagesordnungspunkt in Genf wurden Gene Drives in den Empfehlungsentwurf zu invasiven Arten aufgenommen, der nun fordert, dass bei der Erwägung von Gene Drives zur Bekämpfung invasiver Arten das Vorsorgeprinzip angewandt werden sollte. Weitere Diskussionen zu diesem Thema werden bei der COP stattfinden.

Nächste Schritte

Die Tagesordnung in Genf war sehr eng gestrickt, dennoch konnten die Vertragsparteien ihre Diskussionen über die meisten Texte für das GBF nicht abschließen. Daher hat das CBD-Sekretariat angekündigt, weitere Sitzungen abzuhalten. Die 'Open Ended Working Group' (OEWG) wird daher vom 21. bis 26. Juni in Nairobi, Kenia, weiter über die Ziele (z.B. Ziel 17) des GBF diskutieren. Ein weiteres Treffen wird vom 29. Juni bis 1. Juli 2022 in Bonn für den 'Subsidiary Body on Implementation' (SBI) stattfinden, um Indikatoren zu diskutieren, mit denen überwacht werden kann, ob die neuen GBF-Ziele richtig umgesetzt werden.

Deutliche Fortschritte bei beiden Treffen werden entscheidend dafür sein, ob der GBF von allen Vertragsparteien auf der COP, die im August in Kunming stattfinden wird, angenommen werden kann.

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Links und Ressourcen


Weltnaturschutztag 2022

Weltnaturschutztag 2022

Der Taum oder Albtraum von gentechnisch veränderten Wildtieren.

Warum 100 deutsche Naturschutzorganisationen Position beziehen und dies weltweiter Nachahmung bedarf!

Die meisten Menschen in der EU – einschließlich der Zivilgesellschaft – lehnen die gentechnische Manipulation von Agrarpflanzen und GVO in Nahrungsmitteln ab, wissen aber nicht, dass sich der Umfang gentechnischer Projekte im letzten Jahrzehnt radikal verändert hat: Mit der Entwicklung von CRISPR/Cas wurden die Möglichkeiten der Gentechnik auf eine neue Ebene gehoben und die früher verwendeten „Genkanonen“, die z.B. die Entwicklung von Monsantos pestizidresistenten Mais ermöglichten, inzwischen völlig veraltet sind. Mit CRISPR können viel mehr Arten – und nicht nur domestizierte – auf sehr viel gezieltere und tiefgreifendere Weise gentechnisch verändert werden.

Gentechnologie im Naturschutz?

Beeindruckt von diesen neuen Möglichkeiten haben Molekularbiologen und sogar einige Naturschutzorganisationen begonnen, von der Gentechnik als Wunderwaffe für den Naturschutz zu träumen. Vor allem invasive Arten sind Gegenstand von Forschungsprojekten, die auf die Entwicklung so genannter Gene-Drive-Organismen abzielen.

Gene-Drive-Organismen – eine spezielle Anwendung der CRISPR/Cas-basierten Gentechnik – sorgen dafür, dass ein gentechnisch verändertes Merkmal zu 100 % an alle Nachkommen eines Organismus vererbt wird. Gene-Drive-Organismen sind so konzipiert, dass sie sich nach ihrer Freisetzung in die Natur mit ihren wilden Verwandten paaren und die genetische Veränderung zu einem vorherrschenden Merkmal in der wilden Population machen – über Generationen hinweg.

Einer der Hauptbefürworter des Einsatzes von Gene Drives zur Beseitigung invasiver Arten ist die Naturschutzorganisation Island Conservation. Sie ist seit langem damit beschäftigt, nicht einheimische invasive Raubtiere – vor allem Nagetiere, die eine Bedrohung für Vögel darstellen – von tropischen Inseln mit großer Artenvielfalt wie Hawaii und Galapagos zu entfernen. Bislang geschah dies mit konventionellen Methoden. Aber Island Conservation ist der Ansicht, dass weitergehende Maßnahmen, darunter Gene Drives erforderlich sind. Aus diesem Grund hat Island Conservation das Projekt Genetic Biocontrol of Invasive Rodents (GBIRd) ins Leben gerufen, das von sieben Universitäten und Nichtregierungsorganisationen aus den USA und Australien unterstützt wird, um den Gene-Drive-Ansatz und damit verbundene Fragen zu untersuchen.

Mäuse, Eichhörnchen, Frettchen, Wespen, Fruchtfliegen und Kröten gehören zu den invasiven Arten, die aus Ökosystemen entfernt werden sollen, in die sie eingedrungen sind und die sie schädigen. Gene-Drive-Entwickler wollen bestimmte Gene in den Keimzellen dieser Organismen, die zum Beispiel für das Geschlecht der Nachkommenschaft kodieren, einfach mit einem Gene-Drive versehen. Dies könnte bewirken, dass nur noch männliche oder weibliche Nachkommen geboren werden und die Population der lokal unerwünschten Arten im Laufe weniger Generationen zusammenbricht.

Die ersten Schritte zur Entwicklung eines Gene Drives in Mäusen wurden 2019 an der University of California in San Diego, USA, unternommen. Diese Forschung zeigte jedoch, dass CRISPR-Gene Drives bei Säugetieren noch nicht gut funktionieren.

Ist es sinnvoll, invasive Arten mit invasiven GVO zu bekämpfen?

In Queensland, Australien, hatten die Zuckerrohrbauern in der Vergangenheit große Probleme mit Käfern, die ihre Ernten zerstörten. Im Jahr 1935 wurden Rohrkröten (ursprünglich aus Südamerika) eingeführt, um die Käfer zu bekämpfen. Die Rohrkröten konnten die Käferpopulation erfolgreich unterdrücken, entwickelten sich aber selbst zu einer invasiven Art. Jetzt sind diese Kröten eine Plage und in ganz Australien verbreitet, da sie ihre Fressfeinde vergiften können. Die australische Forschungsbehörde (CSIRO) leitet Forschungsprojekte zur Ausrottung von Rohrkröten durch Genmanipulation. Aber wer kann sicher stellen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt?

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Roslin-Institut im Vereinigten Königreich, wo das invasive Grauhörnchen (vor 150 Jahren aus Nordamerika eingeführt) das einheimische rote Eichhörnchen zurückgedrängt hat und Bäume und Vogelnester zerstört. Die Idee hier ist ähnlich wie in Australien: Ein Gene Drive  könnte entweder die Nachkommenschaft unfruchtbar machen oder es würden nur Nachkommen eines Geschlechts geboren.

Wie Dave Goulson, Professor für Biologie an der Universität Sussex, anekdotisch feststellt:

„Früher haben wir rote Eichhörnchen als Schädlinge gegessen und verfolgt. Wir haben graue Eichhörnchen eingeführt, weil wir sie niedlich fanden. Dann breiteten sie sich aus, und die roten Eichhörnchen gingen zurück. Also änderten wir unsere Meinung und beschlossen, dass die roten Eichhörnchen jetzt niedlich sind und die grauen getötet werden sollten.

Wäre es also eine gute Idee, das graue Eichhörnchen durch einen Gene Drive zu eliminieren?  Hier ist eine andere Idee: Forscher haben herausgefunden, dass die Wiedereinführung von fast ausgestorbenen einheimischen Raubtieren wie dem Baummarder im Vereinigten Königreich zu einem Rückgang des grauen Eichhörnchens und einem Anstieg des roten Eichhörnchens führen würde.
Auf ein intaktes Ökosystem kommt es an!

Frühzeitige Warnungen: Gene Drives nicht für Naturschutzzwecke geeignet

Als Neuseeland ursprünglich in Erwägung zog, Gene Drives als Teil seines Preditor-Free-Programms einzubeziehen, um die Insel von invasiven Arten zu befreien, veröffentlichten zwei Gene Drive-Entwickler im Jahr 2017 einen Artikel, in dem sie vor einer solchen Entscheidung warnten.

Sie warnten davor, dass die einmal freigesetzten Gene-Drive-Organismen, z. B. Mäuse, mehrere Jahre auf der Insel überdauern könnten. Da nur wenige dieser Gene Drive-Mäuse benötigt würden, um eine ganze Population zu infizieren, könnten sie durch ihr langes Verbleiben auf der Insel auch Zeit finden, an andere Orte zu gelangen.

„Wenn wir etwas aus der Ausbreitung invasiver Arten gelernt haben, dann, dass Ökosysteme in vielfältiger Weise miteinander verbunden sind und dass eine Handvoll Organismen, die in einem Land eingeführt werden, Auswirkungen weit über die eigenen Grenzen hinaus haben können.

Sie warnten auch, dass, selbst wenn es diesen Gene Driv-Mäusen nicht gelingen würde, das Land über Handelsschiffe oder Flugzeuge zu verlassen, die Erfahrungen auf dem Gebiet der biologischen Schädlingsbekämpfung darauf hindeuten, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass sie auch absichtlich außer Landes gebracht werden könnten. Nämlich dorthin,wo Mäuse für bestimmte Wirtschaftszweige große Schäden verursachen. Beispielsweise beliefen sich allein in den USA die Gesamtkosten der jährlichen Verluste durch Ratten auf 19 Milliarden US-Dollar.

Die beiden Autoren fügten außerdem hinzu, dass, da Gene-Drive-Organismen von vornherein invasiv sind, eine Handvoll Ratten, die von Inseln wie Neuseeland auf das Festland entkommen, ausreichen würde, um alle Rattenpopulationen auszulöschen, wodurch die Ökosysteme und die Artenvielfalt weltweit schwer geschädigt würden. Darüber hinaus, so die Autoren, sei bereits die Entwicklung von Gene-Drive-Organismen in Forschungslaboren gefährlich. Denn wenn in diesem Gebiet die Art wild vorkomme. Sei ein Entkommen der Labortiere ein ökologischer Ernstfall.

Der Weg nach vorn: Eine breitere Debatte und ein globales Moratorium sind notwendig! 

Angesichts der Idee, mit Hilfe von Gene Drives eingeschleppte invasive Arten aus sensiblen Ökosystemen zu entfernen, diskutiert auch die International Union for Conservation of Nature (IUCN) seit Ende 2015 über diese Technologie.

In ihrer Mitgliederversammlung auf dem Weltnaturschutzkongress in Marseille im September 2021 verabschiedete die IUCN die Resolution 075, die die IUCN damit beauftragt, einen inklusiven und partizipativen, von den Mitgliedern gesteuerten Prozess durchzuführen, um die Rolle der Gentechnik und der synthetischen Biologie in Bezug auf den Naturschutz zu untersuchen. Auf der Grundlage dieser Untersuchung fordert die Resolution 075 die IUCN auf, bis zu ihrem nächsten Weltkongress im Jahr 2025 eine Politik zu diesem Thema zu entwickeln.

Dieser Prozess wird eine wichtige Gelegenheit für die globale Naturschutzszene sein, sich über diese neuen Entwicklungen zu informieren. Dieser Prozess wird hoffentlich einen Raum bieten, um zu verstehen, dass es viele unbeantwortete Fragen, Wissenslücken, Risiken und nicht bewertete ökologische Aspekte, konzeptionelle und rechtliche Herausforderungen sowie umfassendere Fragen wie sozioökonomische, kulturelle, ethische und rechtliche Auswirkungen im Zusammenhang mit der Gentechnik an Wildtieren gibt, die angegangen werden müssen, bevor die IUCN eine Position beziehen kann. In jedem Fall wird diese Position eine wichtige Botschaft an die laufenden Diskussionen zur globalen Regulierung der Gene Drive Technologie auf der Ebene des UN CBD senden.

Für die Zwischenzeit fordert die Stop Gene Drive Kampagne die nationalen Regierungen in aller Welt dazu auf, ein weltweites Moratorium auf die Freisetzung von Gene-Drive-Organismen in der Umwelt (einschließlich Feldversuchen mit diesen Organismen) zu verhängen, solange diese offenen Fragen nicht beantwortet sind und kein globaler Konsens über den Einsatz dieser Technologie erreicht wurde.

Lesen Sie hier mehr darüber, wie Gene Drives funktionieren, welche Risiken  sie mit sich bringen, welche Diskusionen gerade bei der IUCN stattfinden, neuestes über den Stand der Regulierung von Gene Drives und unsere politischen Empfelungen.


Empfehlung: Stärkung des Vorsorgeprinzips

Empfehlung: Stärkung des Vorsorgeprinzips bei der Risikobewertung gentechnisch veränderter Organismen in der EU durch Ausschlusskriterien

Ein Beitrag von Dr. Christoph Then

Das Vorsorgeprinzip, wie es in der EU-Richtlinie 2001/18 verankert ist, kann nur funktionieren, wenn in Fällen, in denen dies notwendig erscheint, auch tatsächlich effektive Maßnahmen zum Schutz der Umwelt und menschlichen Gesundheit ergriffen werden können. Die Rückholbarkeit (zeitliche und räumliche Kontrollierbarkeit) ist dafür eine entscheidende Voraussetzung.

„Die Mitgliedstaaten tragen im Einklang mit dem Vorsorgeprinzip dafür Sorge, dass alle geeigneten Maßnahmen getroffen werden, damit die absichtliche Freisetzung oder das Inverkehrbringen von GVO keine schädlichen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt hat“ (EU-Richtlinie 2001/18, Artikel 1). Sobald sich dabei Erkenntnisse für eine tatsächliche Gefährdung von Mensch und Umwelt ergeben, müssen Notfallmaßnahmen ergriffen werden: „Die Mitgliedstaaten stellen sicher, dass im Falle einer ernsten Gefahr Notfallmaßnahmen, beispielsweise die Aussetzung oder Beendigung des Inverkehrbringens, getroffen werden […]” (EU-Richtlinie 2001/18, Artikel 23). Hinzu kommt die Vorschrift aus Artikel 13 der Richtlinie, dass die Bewilligung der Marktzulassung nur für zehn Jahre erfolgen darf. Danach muss die Zulassung auf Basis eines Monitorings erneut überprüft werden. Verliert der gentechnisch veränderte Organismus seine Zulassung, muss er wieder aus der Umwelt entfernt werden.

Die Freisetzung oder Inverkehrbringung von gentechnisch veränderten Organismen, deren Ausbreitung nicht kontrolliert werden kann, stehen mit diesen Bestimmungen grundsätzlich in Konflikt. Kann ein GVO nicht mehr aus der Umwelt zurückgeholt werden, läuft das Vorsorgeprinzip faktisch ins Leere.

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierte Projekt GeneTip[1] beschäftigte sich in diesem Kontext als erstes Forschungsprojekt in Deutschland mit der prospektiven Technologiebewertung von Gene Drive Organismen. Ein Ergebnis des Projektes ist die Empfehlung, einen neuen zentralen Mechanismus für die Risikobewertung von GVO einzuführen: die Benennung und Definition sogenannter Besorgnisgründe (vereinfacht gesagt, sachlich begründeten Risiken). Solche Besorgnisgründe sind häufig bereits zu einem frühen Stadium der Forschung und Entwicklung identifizierbar und könnten zu der Charakterisierung eines GVO als “besonders besorgniserregend” führen. Zu diesem Zweck schlagen die Autor*innen unter anderem folgende Kriterien für die Identifizierung von Besorgnisgründen vor:

  • Unmöglichkeit der Erstellung von belastbaren Prognosen
  • Eingriffe in Systeme, die für die menschliche Gesundheit besonders kritisch sind
  • Eingriff in ökologische Systeme, die vorbelastet sind oder Kipp-Punkte aufweisen
  • Mangelnde technische Ausgereiftheit und Verlässlichkeit
  • Besonders große Reichweite, bis hin zur globalen und irreversiblen Ausbreitung von GVO
  • Die Fähigkeit zur Ausbreitung in natürlichen Populationen

Eine Charakterisierung als besonders besorgniserregender GVO oder Konstrukt könnte nach dem Ergebnisbericht des GeneTip Projektes zu den gleichen Konsequenzen führen, wie das bei der EU-Chemikaliengesetzgebung REACH beziehungsweise der EU-Pestizidgesetzgebung bereits der Fall ist. Hier spielt die Abschätzung der räumlich-zeitlichen Komplexität bzw. Kontrollierbarkeit eine wichtige Rolle.

In der REACH-Verordnung heißt es: „Erfahrungen auf internationaler Ebene zeigen, dass Stoffe mit persistenten, bioakkumulierbaren und toxischen Eigenschaften oder mit sehr persistenten und sehr bioakkumulierbaren Eigenschaften besonders besorgniserregend sind.“[2] Deshalb wurden in REACH entsprechende Kriterien zur Definition von persistenten, bioakkumulativen und toxischen Stoffen sowie für besonders bioakkumulative und persistente Substanzen festgelegt.

Die EU-Verordnung zur Zulassung von Pestiziden[3] integriert diese Kriterien für POP (persistent organic pollutant), PBT (persistent, bioaccumulative, toxic) und vPvB (very persistent, very bioaccumulative) in den Entscheidungsprozess als Ausschlusskriterien, die dazu führen, dass eine Zulassung generell verweigert werden kann und der Zulassungsprozess nicht fortgeführt wird. Entscheidend ist nicht allein die Giftigkeit einer Substanz, sondern auch ihr Verhalten und Verbleib in der Umwelt. Wenn eine Substanz als vPvB eingestuft wird, kann sie nach dieser EU-Verordnung nicht zugelassen werden, auch wenn Langzeitschäden nicht nachgewiesen sind.

Nach dem Endbericht von GeneTip könnten solche Ausschlusskriterien (cut-off criteria) auch bei der Zulassung von GVO und Gene Drive Organismen hilfreich sein. Wenn sich gentechnisch veränderte Organismen der räumlich-zeitlichen Kontrollierbarkeit entziehen, weil sie sich in natürlichen Populationen vermehren können, ohne dass ihre Persistenz und Ausbreitung effektiv zu kontrollieren ist, wäre eine ausreichend verlässliche Risikobewertung nicht möglich. Der Zulassungsprozess kann nicht fortgeführt und eine Freisetzung der GVO nicht genehmigt werden.

Die Ergebnisse von GeneTip wurden seitens der Expertengruppe (AHTEG) zur Beratung der Vertragsstaatenkonferenz der UN Biodiversitätskonvention berücksichtigt. Unter anderem werden unvorhergesehene Effekte, die erst nach einigen Generationen auftreten, als spezifische Herausforderung für die Risikobewertung benannt.[4] Die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA dagegen ignoriert diese Herausforderungen in ihrem im November 2020 vorgelegten Bericht weitgehend.

Dr. Christoph Then ist Leiter des Instituts für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie (TestBiotech) und Mitautor des GeneTip Projekts. Testbiotech befasst sich mit der Folgenabschätzung im Bereich der Biotechnologie, fordert und fördert unabhängige Forschung, untersucht ethische als auch wirtschaftliche Folgen und prüft Risiken für Mensch und Umwelt. Testbiotech stellt industrie-unabhängige Expertise zur Verfügung und will so die Entscheidungskompetenz der Gesellschaft stärken.

 

 

 

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[1] 121 Gene Tip Website (ohne Jahr). Testbiotech e.V. Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie. BioTip-Pilotstudie: Genetische Innovationen als Auslöser von Phasenübergängen in der Populationsdynamik von Tieren und Pflanzen (GeneTip). Online: https://www.genetip.de/de/biotip-pilotstudie/ [letzter Zugriff: 07.12.2020]

[2]  EUR-Lex Website (2006). Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union. Verordnung (EG) Nr 1907/2006 des europäischen Parlaments und des Rates vom 18. Dezember 2006 zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH), zur Schaffung einer Europäischen Agentur für chemische Stoffe, zur Änderung der Richtlinie 1999/45/EG und zur Aufhebung der Verordnung (EWG) Nr. 793/93 des Rates, der Verordnung (EG) Nr. 1488/94 der Kommission, der Richtlinie 76/769/EWG des Rates sowie der Richtlinien 91/155/EWG, 93/67/EWG, 93/105/EG und 2000/21/EG der Kommission. Online: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32006R1907&from=EN [letzter Zugriff: 07.12.2020]

[3]     EUR-Lex Website (2009). Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union. Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 21. Oktober 2009 über das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln und zur Aufhebung der Richtlinien 79/117/EWG und 91/414/EWG des Rates. Online: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=celex:32009R1107 [letzter Zugriff: 07.12.2020]

[4] Convention on Biological Diversity. Ad Hoc Technical Expert Group on Risk Assessment (2020). Report of the Ad Hoc Technical Expert Group on Risk Assessment. CBD/CP/RA/AHTEG/2020/1/5. 15. April 2020, Montreal, Canada. Online: https://www.cbd.int/doc/c/a763/e248/4fa326e03e3c126b9615e95d/cp-ra-ahteg-2020-01-05-en.pdf


Europaparlament: keine Förderung von Gentechnologien in der Entwicklungspolitik

Am 6.10.2021 forderte das Europaparlament bei seiner Plenarsitzung die EU-Kommission und die EU-Mitgliedsstaaten mit seinem Bericht zur "Rolle der Entwicklungspolitik bei der Bekämpfung des Verlusts der biologischen Vielfalt in den Entwicklungsländern im Zusammenhang mit der Umsetzung der Agenda 2030" dazu auf, die Rechte zukünftiger Generationen aktiv zu schützen, keine Gentechnologien mit Geldern der Entwicklungshilfe zu fördern und insbesondere die Freisetzung von Gene Drive Organismen nicht zu gestatten.

Mareike Imken, Koordinatorin der europäischen Stop Gene Drive Kampagne, begrüßt diese Entschließung:
„Das Europaparlament bestärkt hier zum dritten Mal in Folge seine Forderung, die Gene Drive Technologie aus Vorsorgeerwägungen nicht einzusetzen. Diese Forderung ist auch deshalb so wichtig, da erste Feldversuche mit der Gene Drive Technologie in den nächsten Jahren in Burkina Faso durch das Projektkonsortium Target Malaria umgesetzt werden sollen.“ So hehr das damit verfolgte Ziel, die Malaria bekämpfen zu wollen – so wichtig sei es auch, die unvorhersehbaren und möglicherweise katastrophalen Konsequenzen der grenzüberschreitenden, unkontrollierbaren und unwiderruflichen gentechnischen Veränderung oder Ausrottung von Mücken nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. „Ich fordere EU-Kommission und den Mitgliedsstaaten dringend dazu auf, die Forderungen des Europaparlaments national und international umzusetzen!“ so Imken.

In Paragraf 32 vertieft das Europaparlament seine Forderung vom 8. Juni 2021 aus der EU-Biodiversitätsstrategie und seiner Entschließung vom 16. Januar 2020 zur 15. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Biodiversitätskonvention:

„[Das Europäische Parlament] stellt fest, dass die Gene Drive Technologie wie bei genetisch veränderten Mücken zur Eindämmung von vektorübertragenen Krankheiten schwerwiegende und neuartige Gefahren für Umwelt und Natur darstellen, darunter unumkehrbare Änderungen in den Lebensmittelversorgungsketten und Ökosystemen sowie Verluste an biologischer Vielfalt – eine Vielfalt, auf die die Ärmsten der Welt für ihren Lebensunterhalt angewiesen sind; bekräftigt seine Besorgnis angesichts der neuen Herausforderungen in den Bereichen Recht, Umwelt, biologische Sicherheit und Regierungsführung, die sich aus der Freisetzung von durch Gene Drive veränderten Organismen in die Umwelt ergeben könnten, selbst wenn die Freisetzung zu zum Zwecke der Erhaltung der Natur erfolgt; bekräftigt, dass die freie, vorherige und in Kenntnis der Sachlage erteilte Zustimmung der indigenen Völker und lokalen Gemeinschaften eingeholt werden muss, bevor Technologien eingeführt werden, die sich auf deren traditionelles Wissen, Innovation, Gebräuche und Lebensumstände sowie auf die Landnutzung und den Ressourcen- und Wasserverbrauch auswirken können; betont, dass dabei alle möglicherweise betroffenen Bevölkerungsgruppen im Vorfeld auf partizipative Weise einbezogen werden müssen; vertritt die Auffassung, dass Genantriebstechnologien Anlass zu Bedenken hinsichtlich der Schwierigkeiten geben, das Verhalten der betroffenen Organismen vorherzusagen, und dass durch Genantrieb veränderte Organismen sich selbst zu invasiven Arten wandeln könnten, weshalb nach Maßgabe des Vorsorgeprinzips die Freisetzung von durch Gene Drive veränderten Organismen nicht gestattet werden sollte, auch nicht zum Zwecke der Erhaltung der Natur“

Aus Sicht von Mareike Imken, wäre es ein wichtiger weiterer Schritt, auch angesichts der schlechten Erfahrungen mit patentiertem gentechnisch verändertem Saatgut in Afrika und Lateinamerika, die Forderung in Paragraf 28 des Europaparlaments in nationalen Entwicklungshilfeprogrammen umzusetzen. In Paragraf 28 fordert das Europäische Parlament die Kommission und die Mitgliedstaaten nachdrücklich dazu auf, „den Verpflichtungen der Union aus internationalen Übereinkommen Rechnung zu tragen und zudem dafür Sorge zu tragen, dass in Entwicklungsländern mit Geldern aus der Entwicklungshilfe keine Technologien zur genetischen Veränderung gefördert werden.“

Bei dieser Entschließung handelt es sich um eine unverbindliche Stellungnahme des Europäischen Parlaments mit Empfehlungen zur internationalen Zusammenarbeit auch in internationalen Konventionen wie UN CBD, UNEP, FAO und Handelsabkommen. Um diese Empfehlungen umzusetzen, müsste die EU-Kommission sie in einem eigenen Legislativvorschlag aufgreifen, der dann vom Europäischen Parlament und den EU-Mitgliedstaaten bestätigt werden müsste. Diese Empfehlungen könnten ihren Weg jedoch auch in weniger formell vereinbarte Verhandlungspositionen der EU bei ihrer internationalen Arbeit finden.

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Zur Entschließung:

Entschließung des Europäischen Parlaments vom 6. Oktober 2021 zu der Rolle der Entwicklungspolitik bei der Eindämmung des Verlusts an biologischer Vielfalt in Entwicklungsländern vor dem Hintergrund der Umsetzung der Agenda 2030 (2020/2274(INI)) – Para 32 zu Gene Drives.

 

Vorherige Resolution des Europaparlaments zu Gene Drives:

Bericht über das Thema „EU-Biodiversitätsstrategie für 2030: Mehr Raum für die Natur in unserem Leben (2020/2273(INI)) – Para. 148 zu Gene Drives

Entschließung des Europäischen Parlaments vom 16. Januar 2020 zu der 15. Tagung der Konferenz der Vertragsparteien (COP15) des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (2019/2824(RSP)) - Para. 15 zu Gene Drives


Gentechnik im Naturschutz? IUCN leitet Positionsfindung ein

Am Freitag, den 10.09.2021, stimmte die Weltnaturschutzunion IUCN auf ihrem Weltkongress über einen umstrittenen Antrag ab, der einen breit angelegten Positionsfindungsprozess zum Einsatz der synthetischen Biologie, einschließlich der Nutzung von Gentechnik und Gene Drives im Naturschutz in den nächsten drei Jahren unter IUCN Mitgliedern einleiten soll.

Bis zum kommenden IUCN Weltkongress im Jahr 2024 will die IUCN auf diesem Weg eine Position zum Umgang mit den neuen technologischen Möglichkeiten der synthetischen Biologie im Kontext ihrer Naturschutzbemühungen formulieren. In diesem Zusammenhang relevante Anwendungen der synthetischen Biologie umfassen beispielsweise die synthetische Produktion naturidentischer Produkte im Labor, Vorschläge zur Bekämpfung von Schädlingen mittels Gentechnik (z.B. RNAi-Sprays oder Paratransgenese) in der Landwirtschaft oder die gentechnische Manipulation von wildlebenden Arten wie Insekten, zum Zwecke der Krankheitsbekämpfung (z.B. aber nicht ausschließlich mittels Gene Drive). Besonders kontrovers: Befürworter*innen und Entwickler*innen gentechnischer Verfahren sehen sogar die Möglichkeit, Anwendungen der synthetischen Biologie auch gezielt für Naturschutz zu entwickeln, z.B. für die Bekämpfung invasiver Arten mittels Gene Drive.

Bestimmungen der Resolution 075

Die Resolution legt fest, dass sich die IUCN (z.B. in internationalen Foren wie der CBD) bis zur förmlichen Verabschiedung dieser IUCN-Position beim folgenden IUCN Weltkongress im Jahr 2024 zu allen Aspekten der synthetischen Biologie neutral zu verhalten muss, auch wenn dabei sich im Laufe des Prozesses neue Erkenntnisse ergeben.

Mit der Verabschiedung der Resolution 075 erkannten die Mitglieder der IUCN an, dass es große Daten- und Wissenslücken sowie ungelöste ethische, soziale, kulturelle und ökologische Fragen im Zusammenhang mit der Nutzung von Technologien gibt, die derzeit zur gentechnischen Veränderung wildlebender Arten entwickelt werden. Die Resolution 075 legt fest, dass diese Ungewissheiten eine Anwendung des Vorsorgeprinzips erfordern und bei der Positionierung der IUCN zu diesem Thema berücksichtigt werden müssen. Besonderes Augenmerk beim gemeinschaftlichen Wissensaufbau soll deshalb auf die Identifizierung von Wissenslücken, Datenmängeln und wissenschaftlichen Unsicherheiten gelegt werden, die eine Bewertung der Auswirkungen von bestehenden und möglichen zukünftigen Anwendungen der synthetischen Biologie (einschließlich Gene Drives) im Kontext des Naturschutzes unmöglich machen. Diesbezüglich sollen insbesondere offene Fragen und Herausforderungen in ökologischer, konzeptueller, rechtlicher, sozio-ökonomischer, kultureller und ethischer Hinsicht formuliert und zusammengetragen werden. Zu diesem Zweck sollen insbesondere den Perspektiven, dem Wissen und den Rechten indigener Völker und lokaler Gemeinschaften ein hoher Stellenwert eingeräumt werden.

Mareike Imken, Koordinatorin der europäischen Stop Gene Drive Kampagne, begrüßt das Bekenntnis der IUCN zum Vorsorgeprinzip und ihre Absicht,  unter ihren Mitgliedern eine Prozess zur Diskussion und Verständigung über den Einsatz gentechnischer Verfahren für den Naturschutz einzuleiten.

Ein breiter und inklusiver Diskussionsprozess der IUCN wird entscheidend dafür sein, das Bewusstsein der IUCN-Mitglieder dafür zu schärfen, dass der Eingriff in die natürlichen Evolutionsregeln durch die Anwendung der Gene-Drive-Technologie eine neue Dimension des Eingriffs in die natürliche Welt darstellt und deren irreversible Veränderung mit sich bringt.“

Die Verhandlungen um diese umstrittene Resolution waren geprägt von zwei Polen: zivilgesellschaftliche Gruppen, die die IUCN aufforderten, die Freisetzung von Organismen der  synthetischen Biologie nicht zu unterstützen versus Befürworter der Gene-Drive-Technologie, die sich dafür einsetzten, dass synthetische Biologie, einschließlich der Gene-Drive-Technologie, als Instrument für den Naturschutz akzeptiert wird.

Zu unserer Pressemitteilung auf Englisch.

Zur Resolution 075 „Towards the Development of an IUCN Policy on Synthetic Biology for Nature Conservation

Was ist synthetische Biologie?

Mit dem Überbegriff synthetische Biologie werden gentechnische Verfahren bezeichnet, die biologische Komponenten oder natürliche Abläufe umbauen, neu synthetisieren oder auf eine Art verändern, wie sie natürlicherweise nicht vorkommen. Anwendungen der synthetischen können entweder ausschließlich in geschlossenen Systemen/Laboren genutzt werden, oder auch darauf abzielen, sie in offenen natürlichen Systemen zu nutzen und dabei mittels Gentechnik wildlebende Arten und Ökosysteme zu verändern – zum Beispiel über das kontroverse Verfahren der Gene Drives.

Hintergrund zur Abstimmung der Resolution 075 in der IUCN

Eine kleine Gruppe von Befürwortern der synthetischen Biologie, die in der IUCN aktiv ist, argumentiert, dass die Gene-Drive-Technologie für Naturschutzzwecke genutzt werden sollte. Ein Beispiel dafür ist das Projektkonsortium Genetic Biocontrol of Invasive Rodents (GBIRd), dem auch die IUCN-Mitgliedsorganisation Island Conservation angehört und das mit Gene Drive ausgestattete Mäuse entwickelt, die auf Inseln ausgesetzt werden sollen – angeblich, um die Mäuse auszurotten, die Vögeln schaden.

Mit der IUCN-Resolution „WCC-2016-Res-086“, die auf der IUCN-Mitgliederversammlung in Hawaii 2016 verabschiedet wurde, wurde die IUCN beauftragt, bis 2020 eine Richtlinie zur Synthetischen Biologie und zum Schutz der biologischen Vielfalt zu entwickeln. Sowohl IUCN-Mitglieder als auch Mitglieder zivilgesellschaftlicher Organisationen haben jedoch die Art und Weise kritisiert, wie dieser Plan umgesetzt wurde. Sie wiesen darauf hin, dass das Bewusstsein der IUCN-Mitglieder für die grundlegenden Fragen, die eine solche IUCN-Position aufwerfen würde, derzeit unzureichend ist. Darüber hinaus wurde kritisiert, dass der IUCN-Bewertungsbericht „Genetic Frontiers for Conservation“, der größtenteils von Befürwortern der Technologie verfasst wurde, keine ausreichende Grundlage für die Abstimmung über eine solche Politik bietet.

Zur gemeinsamen Pressemitteilung vom 4.09.2021 mit dem Deutschen Naturschutzring (DNR)

Zum Hintergrund der Diskussionen um Resolution 75 in der IUCN

Zu unserem Briefing für IUCN Delegierte zu Resolution 075

Weitere Publikationen zum Thema

ETC Group 2019: A review of the evidence for bias and conflict of interest in the IUCN report on synthetic biology and gene drive organisms.

Testbiotech 2019: Testbiotech comment on the IUCN report “Genetic frontiers for conservation, an assessment of synthetic biology and biodiversity conservation.

ENSSER 2021: A critique of the IUCN report ‘Genetic Frontiers for Conservation’. An assessment An assessment of synthetic biology and biodiversity conservation’ – with regards to its assessment of gene drives


IUCN

Die Diskussion um Gene Drives in der Weltnaturschutzunion (IUCN)

Angesichts der Möglichkeit, eingeschleppte invasive Arten mittels Gene Drive aus empfindlichen Ökosystemen zu entfernen, diskutiert auch die International Union for Conservation of Nature (IUCN), auch Weltnaturschutzunion genannt, seit Ende 2015 über den Umgang mit dieser Technologie.

Bei ihrer Mitgliederversammlung im September 2016 auf Hawaii verabschiedete die IUCN eine Resolution¹, mit der sie sich unter anderem selbst den Auftrag erteilte, einen wissenschaftlichen Bericht zu den Auswirkungen der synthetischen Biologie und Gene Drives für den Schutz der Biodiversität zu erstellen. Auf Grundlage dieses wissenschaftlichen Berichts wollte die IUCN ursprünglich bei ihrer darauf folgenden Mitgliederversammlung im Jahr 2020 eine Position zur Rolle der Gene Drive Technologie für den Naturschutz beziehen.
Unter anderem durch öffentlichen Protest und auf Hinwirken von Koryphäen des weltweiten Natur- und Artenschutzes² verpflichtete sich die IUCN in ihrer Resolution aus dem Jahr 2016 darauf, bis zum Vorliegen dieses Berichts von jeglicher Unterstützung oder Befürwortung von Forschung, Feldversuchen oder Nutzung der Gene Drive Technologie abzusehen.

Der Bericht mit dem Titel Genetic frontiers for conservation³ wurde im Mai 2019 veröffentlicht und traf sowohl aufseiten von IUCN Mitgliedsorganisationen als auch aufseiten von Naturschutz- und Entwicklungsorganisationen aus aller Welt auf harsche Kritik.

Eine von der kanadischen Nichtregierungsorganisation ETC Group durchgeführte Analyse⁴ kam zu dem Schluss, dass eine Mehrzahl der Autor*innen des Berichts bekannte Befürworter*innen der Gentechnik seien und zum Teil aufgrund ihrer wirtschaftlichen Eigeninteressen an der Entwicklung der untersuchten Technologien nicht von der IUCN hätten engagiert werden dürfen. In einem daraufhin von 231 zivilgesellschaftlichen Organisationen und mehreren Wissenschaftler*innen unterzeichneten offenen Brief wurde der Bericht als „bedauerlicherweise einseitig“, „voreingenommen“ und „ungeeignet für die vorgesehene politische Diskussion“ kritisiert. Dieser Bericht stehe nicht im Einklang mit den Vorsorgeerwägungen der Resolution von Hawaii. Die unterzeichnenden Organisationen forderten die IUCN deshalb dazu auf, einen weiteren wissenschaftlichen Bericht auf Basis einer vorsorgeorientierten Analyse der Risiken der Technologie in Auftrag zu geben und mit einer Beschlussfassung zum Thema bis zum Vorliegen eines solchen Gegenberichts zu warten.⁵

In eine ähnliche Richtung ging die Forderung eines Briefes von 23 IUCN Mitgliedern vom Oktober 2019 an den IUCN Council. Es brauche mehr Zeit für eine grundlegende, umfassende, ausgewogene Diskussion auf Grundlage des Vorsorgeprinzips mit größerer Einbindung von IUCN Mitgliedern vor einer Beschlussfassung der IUCN.⁶

Konfrontiert mit dieser Kritik zog der IUCN Council seinen Plan zurück, bereits bei seinem ursprünglich im Juni 2020 geplanten Mitgliederprozess eine Position beschließen zu wollen. Stattdessen wurden in einer mitgliederoffenen Konsultation Prinzipien⁷ für die Diskussion rund um das Thema festgelegt. Diese sollen beim IUCN Weltnaturschutzkongress im Jahr 2021 abgestimmt werden und als Grundlage für eine Positionsfindung zum Thema bis zum darauffolgenden Mitgliederkongress dienen.

 

 


[1] IUCN Library System Website (2016). IUCN, International Union for Conservation of Nature Resolution; c2020. WCC-2016-Res-086 – Development of IUCN policy on biodiversity conservation and synthetic biology. World Conservation Congress; 2016; Hawaii. Online: https://portals.iucn.org/library/sites/library/files/resrecfiles/WCC_2016_RES_086_EN.pdf
[letzter Zugriff: 07.12.2020]
[2]  SynBioWatch Website (2016). A Call for Conservation with a Conscience. No Place for Gene Drives in Conservation. Online:
http://www.synbiowatch.org/wp-content/uploads/2016/09/letter_vs_genedrives.pdf [letzter Zugriff: 07.12.2020]
[3] Redford KH, Brooks TM, Macfarlane NBW, Adams JS (2019). Genetic frontiers for conservation: an assessment of synthetic
biology and biodiversity conservation: technical assessment. IUCN Publication. Online: https://portals.iucn.org/library/node/48408
[letzter Zugriff: 07.12.2020]
[4] ETC Group Website (2019). ETC Group. Driving Under The Influence? A review of the evidence for bias and conflict of interest in the IUCN report on synthetic biology and gene drive organisms. Online: https://www.etcgroup.org/sites/www.etcgroup.org/files/files/etc-iucn-driving_under_influence.pdf [letzter Zugriff: 07.12.2020]
[5] GeneWatch UK Website (2019). GeneWatch UK. Open letter to the IUCN regarding the report Genetic Frontiers for Conservation. Online: http://www.genewatch.org/uploads/f03c6d66a9b354535738483c1c3d49e4/IUCN_let_16July2019.pdf
[letzter Zugriff: 07.12.2020]
[6] Institute for Nature Conservation in Albania Website (2019). Instituti për Ruajtjen e Natyrës në Shqipëri. Open Letter by the undersigned IUCN Members to the IUCN Council. Online: https://inca-al.org/sq/postimet/njoftime/open-letter-by-the-undersigned-iucn-members-to-the-iucn-council [letzter Zugriff: 23.03.2021]
[7] IUCN Congress 2020 Website (2020). IUCN; c2020. 075 – IUCN Principles on Synthetic Biology and Biodiversity Conservation. Online: https://www.iucncongress2020.org/motion/075 [letzter Zugriff: 07.12.2020]


Termine

Termine

„Stop Gene Drives“ – Informationsstand beim IUCN Weltkongress

Samstag, 04.09. 2021 – Freitag, 10.09.2021 // 10.00 – 22.00 Uhr
Informationsstand „Stop Gene Drives“ in der Ausstellung des IUCN-Weltkongresses, Neutral zone – Stand A 2

Öffentliche Veranstaltung im Rahmen des IUCN-Weltkongresses

Samstag, 04.09. 2021 // 18.30 – 20.30 Uhr
Öffentliche Veranstaltung im Rahmen des IUCN-Weltkongresses:
„Ökosystemtechnik und Artenausrottung durch Gentechnik? Grundlegende Fragen des Naturschutzes.
Nur vor Ort; Halle: H8 – Palais de l’Europe; Raum: H8 – 2 Forêt d’Orient

Pressekonferenz Gentechnisch veränderte Ökosysteme?

Montag, 06.09.2021 // 10.00 – 10.30 Uhr
Vor Ort: Raum: H9 – B 11 Pressekonferenzraum – Callelongue
Pressekonferenz „Gentechnisch veränderte Ökosysteme? – Naturschutz am Wendepunkt“.
Live-Stream für akkreditierte Journalisten und registrierte Teilnehmer über https://www.iucncongress2020.org/
Sprache: Die Sitzung wird auf Englisch abgehalten und gedolmetscht.
Im IUCN-Programm: https://www.iucncongress2020.org/
programme/official-programme/session-52577


Europäisches Parlament fordert Verbot der Freisetzung von Gene Drive Organismen

Parlamentsbericht zur EU Biodiversitätsstrategiefür 2030 betont das Vorsorgeprinzip

Das Europäische Parlament bekräftigte in seiner Plenarabstimmung am 08.062021 seine vorsorgeorientierte Haltung gegenüber dem Einsatz eines neuen Gentechnikverfahren namens Gene Drive.[i] In ihrem Bericht zur EU-Biodiversitätsstrategie für 2030, fordern die Parlamentarier*innen, dass "im Einklang mit dem Vorsorgeprinzip keine Freisetzungen von gentechnisch veränderten Gene Drive Organismen erlaubt werden sollten, auch nicht zu Naturschutzzwecken."

Mareike Imken, Koordinatorin der europäischen Stop Gene Drive Kampagne begrüßt diese Entscheidung und kommentiert: "Mit seiner heutigen Position erkennt das Europäische Parlament an, dass die Gene Drive Technologie eine Reihe von wissenschaftlichen, regulatorischen, gesellschaftlichen und ethischen Fragen und Bedenken aufwirft. Da ihr Einsatz die biologische Vielfalt stark beeinträchtigen könnte, fordert das Europäische Parlament, jegliche Freisetzung in die Umwelt aufzuschieben, bis diese Fragen geklärt sind. Dies ist eine wichtige Botschaft, die in die laufenden Diskussionen zur globale Regulierung der Technologie auf dem nächsten Treffen der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) im September in Marseille und in die laufenden Vor-Verhandlungen zur COP 15 des Übereinkommens über die biologische Vielfalt im Oktober einfließen sollte."

27 zivilgesellschaftliche und wissenschaftliche Organisationen aus der gesamten EU hatten vor der Abstimmung einen Brief an die Parlamentarier*innen geschickt, um den Passus zu unterstützen. Er enthalte „vernünftige Vorschläge dafür, wie die frühere Position des Europäischen Parlaments in der Entschließung zur 15. Tagung der Konferenz der Vertragsparteien (COP15) des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (2019/2824(RSP)) umgesetzt werden kann".

In dieser früheren Position, die im Januar 2020 verabschiedet wurde, hatte das Europäische Parlament die EU-Kommission und die EU-Mitgliedstaaten dazu aufgefordert, „auf der COP15 ein globales Moratorium für Freisetzungen von Gene Drive-Organismen in die Natur, einschließlich Feldversuchen, zu fordern, um eine verfrühte Freisetzung dieser neuen Technologien zu verhindern und das Vorsorgeprinzip zu wahren, das sowohl im Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union als auch in der CBD verankert ist.“

 

Hintergrundinformationen:

Dies ist der nun angenommene Passus, der im Bericht über das Thema „EU-Biodiversitätsstrategie für 2030: Mehr Raum für die Natur in unserem Leben“(2020/2273(INI)) durch das Plenum des Europäischen Parlaments angenommen wurde. [ii]:

Das Europäische Parlament,

148. ist besorgt über die neuen Herausforderungen in den Bereichen Recht, Umwelt, biologische Sicherheit und Regierungsführung, die sich aus der Freisetzung von durch Genantrieb veränderten Organismen in die Umwelt, auch zu Naturschutzzwecken, ergeben könnten; nimmt den Bericht der Ad-hoc-Sachverständigengruppe des Übereinkommens über die biologische Vielfalt zu durch Genantrieb veränderten Organismen und lebenden veränderten Fischen zur Kenntnis, in dem Bedenken hinsichtlich der Schwierigkeiten geäußert werden, ihr Verhalten vorherzusagen, ihre Risiken zu bewerten und sie nach der Freisetzung zu kontrollieren; stellt fest, dass durch Genantrieb veränderte Organismen selbst zu invasiven Arten werden könnten; ist der Ansicht, dass auf globaler und EU-Ebene Leitfäden zur Risikobewertung, Instrumente und ein Rahmen für die Umweltüberwachung sowie eine klare globale Steuerung und wirksame Mechanismen zur Kontrolle und Umkehrung der Auswirkungen von durch Genantrieb veränderten Organismen vollständig entwickelt werden sollten und dass zusätzliche Forschung zu den gesundheitlichen, umweltrelevanten, ökologischen, ethischen und anderen Auswirkungen von durch Genantrieb veränderten Organismen erforderlich ist, um ihre potenziellen Auswirkungen besser zu verstehen; ist daher der Auffassung, dass im Einklang mit dem Vorsorgeprinzip keine Freisetzungen von durch Genantrieb veränderten Organismen zugelassen werden sollten, auch nicht zu Naturschutzzwecken.

 

Pressemitteilung hier herunterladen.

Verbändebrief an MEPs vor der Abstimmung.

Veranstaltungsbericht eines vorherigen interaktiven runden Tisches, organisiert von allen Berichterstattern des Parlamentsberichts zur EU Biodiversitätsstrategie vom 8. Dezember 2020: Genetic engineering of wild species. Protection or destruction of nature?


[i] Abstimmungsergebnisse des Europaparlaments für Paragraphen der EU Biodiversitätsstrategie vom Plenum am 08.09.2021

[ii] Europäisches Parlament: Bericht über das Thema "EU Biodiversitätsstrategie für 2030: Mehr Raum für Natur in unserem Leben."