Empfehlung: Stärkung des Vorsorgeprinzips

Empfehlung: Stärkung des Vorsorgeprinzips bei der Risikobewertung gentechnisch veränderter Organismen in der EU durch Ausschlusskriterien

Ein Beitrag von Dr. Christoph Then

Das Vorsorgeprinzip, wie es in der EU-Richtlinie 2001/18 verankert ist, kann nur funktionieren, wenn in Fällen, in denen dies notwendig erscheint, auch tatsächlich effektive Maßnahmen zum Schutz der Umwelt und menschlichen Gesundheit ergriffen werden können. Die Rückholbarkeit (zeitliche und räumliche Kontrollierbarkeit) ist dafür eine entscheidende Voraussetzung.

„Die Mitgliedstaaten tragen im Einklang mit dem Vorsorgeprinzip dafür Sorge, dass alle geeigneten Maßnahmen getroffen werden, damit die absichtliche Freisetzung oder das Inverkehrbringen von GVO keine schädlichen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt hat“ (EU-Richtlinie 2001/18, Artikel 1). Sobald sich dabei Erkenntnisse für eine tatsächliche Gefährdung von Mensch und Umwelt ergeben, müssen Notfallmaßnahmen ergriffen werden: „Die Mitgliedstaaten stellen sicher, dass im Falle einer ernsten Gefahr Notfallmaßnahmen, beispielsweise die Aussetzung oder Beendigung des Inverkehrbringens, getroffen werden […]” (EU-Richtlinie 2001/18, Artikel 23). Hinzu kommt die Vorschrift aus Artikel 13 der Richtlinie, dass die Bewilligung der Marktzulassung nur für zehn Jahre erfolgen darf. Danach muss die Zulassung auf Basis eines Monitorings erneut überprüft werden. Verliert der gentechnisch veränderte Organismus seine Zulassung, muss er wieder aus der Umwelt entfernt werden.

Die Freisetzung oder Inverkehrbringung von gentechnisch veränderten Organismen, deren Ausbreitung nicht kontrolliert werden kann, stehen mit diesen Bestimmungen grundsätzlich in Konflikt. Kann ein GVO nicht mehr aus der Umwelt zurückgeholt werden, läuft das Vorsorgeprinzip faktisch ins Leere.

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierte Projekt GeneTip[1] beschäftigte sich in diesem Kontext als erstes Forschungsprojekt in Deutschland mit der prospektiven Technologiebewertung von Gene Drive Organismen. Ein Ergebnis des Projektes ist die Empfehlung, einen neuen zentralen Mechanismus für die Risikobewertung von GVO einzuführen: die Benennung und Definition sogenannter Besorgnisgründe (vereinfacht gesagt, sachlich begründeten Risiken). Solche Besorgnisgründe sind häufig bereits zu einem frühen Stadium der Forschung und Entwicklung identifizierbar und könnten zu der Charakterisierung eines GVO als “besonders besorgniserregend” führen. Zu diesem Zweck schlagen die Autor*innen unter anderem folgende Kriterien für die Identifizierung von Besorgnisgründen vor:

  • Unmöglichkeit der Erstellung von belastbaren Prognosen
  • Eingriffe in Systeme, die für die menschliche Gesundheit besonders kritisch sind
  • Eingriff in ökologische Systeme, die vorbelastet sind oder Kipp-Punkte aufweisen
  • Mangelnde technische Ausgereiftheit und Verlässlichkeit
  • Besonders große Reichweite, bis hin zur globalen und irreversiblen Ausbreitung von GVO
  • Die Fähigkeit zur Ausbreitung in natürlichen Populationen

Eine Charakterisierung als besonders besorgniserregender GVO oder Konstrukt könnte nach dem Ergebnisbericht des GeneTip Projektes zu den gleichen Konsequenzen führen, wie das bei der EU-Chemikaliengesetzgebung REACH beziehungsweise der EU-Pestizidgesetzgebung bereits der Fall ist. Hier spielt die Abschätzung der räumlich-zeitlichen Komplexität bzw. Kontrollierbarkeit eine wichtige Rolle.

In der REACH-Verordnung heißt es: „Erfahrungen auf internationaler Ebene zeigen, dass Stoffe mit persistenten, bioakkumulierbaren und toxischen Eigenschaften oder mit sehr persistenten und sehr bioakkumulierbaren Eigenschaften besonders besorgniserregend sind.“[2] Deshalb wurden in REACH entsprechende Kriterien zur Definition von persistenten, bioakkumulativen und toxischen Stoffen sowie für besonders bioakkumulative und persistente Substanzen festgelegt.

Die EU-Verordnung zur Zulassung von Pestiziden[3] integriert diese Kriterien für POP (persistent organic pollutant), PBT (persistent, bioaccumulative, toxic) und vPvB (very persistent, very bioaccumulative) in den Entscheidungsprozess als Ausschlusskriterien, die dazu führen, dass eine Zulassung generell verweigert werden kann und der Zulassungsprozess nicht fortgeführt wird. Entscheidend ist nicht allein die Giftigkeit einer Substanz, sondern auch ihr Verhalten und Verbleib in der Umwelt. Wenn eine Substanz als vPvB eingestuft wird, kann sie nach dieser EU-Verordnung nicht zugelassen werden, auch wenn Langzeitschäden nicht nachgewiesen sind.

Nach dem Endbericht von GeneTip könnten solche Ausschlusskriterien (cut-off criteria) auch bei der Zulassung von GVO und Gene Drive Organismen hilfreich sein. Wenn sich gentechnisch veränderte Organismen der räumlich-zeitlichen Kontrollierbarkeit entziehen, weil sie sich in natürlichen Populationen vermehren können, ohne dass ihre Persistenz und Ausbreitung effektiv zu kontrollieren ist, wäre eine ausreichend verlässliche Risikobewertung nicht möglich. Der Zulassungsprozess kann nicht fortgeführt und eine Freisetzung der GVO nicht genehmigt werden.

Die Ergebnisse von GeneTip wurden seitens der Expertengruppe (AHTEG) zur Beratung der Vertragsstaatenkonferenz der UN Biodiversitätskonvention berücksichtigt. Unter anderem werden unvorhergesehene Effekte, die erst nach einigen Generationen auftreten, als spezifische Herausforderung für die Risikobewertung benannt.[4] Die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA dagegen ignoriert diese Herausforderungen in ihrem im November 2020 vorgelegten Bericht weitgehend.

Dr. Christoph Then ist Leiter des Instituts für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie (TestBiotech) und Mitautor des GeneTip Projekts. Testbiotech befasst sich mit der Folgenabschätzung im Bereich der Biotechnologie, fordert und fördert unabhängige Forschung, untersucht ethische als auch wirtschaftliche Folgen und prüft Risiken für Mensch und Umwelt. Testbiotech stellt industrie-unabhängige Expertise zur Verfügung und will so die Entscheidungskompetenz der Gesellschaft stärken.

 

 

 

————

[1] 121 Gene Tip Website (ohne Jahr). Testbiotech e.V. Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie. BioTip-Pilotstudie: Genetische Innovationen als Auslöser von Phasenübergängen in der Populationsdynamik von Tieren und Pflanzen (GeneTip). Online: https://www.genetip.de/de/biotip-pilotstudie/ [letzter Zugriff: 07.12.2020]

[2]  EUR-Lex Website (2006). Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union. Verordnung (EG) Nr 1907/2006 des europäischen Parlaments und des Rates vom 18. Dezember 2006 zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH), zur Schaffung einer Europäischen Agentur für chemische Stoffe, zur Änderung der Richtlinie 1999/45/EG und zur Aufhebung der Verordnung (EWG) Nr. 793/93 des Rates, der Verordnung (EG) Nr. 1488/94 der Kommission, der Richtlinie 76/769/EWG des Rates sowie der Richtlinien 91/155/EWG, 93/67/EWG, 93/105/EG und 2000/21/EG der Kommission. Online: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32006R1907&from=EN [letzter Zugriff: 07.12.2020]

[3]     EUR-Lex Website (2009). Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union. Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 21. Oktober 2009 über das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln und zur Aufhebung der Richtlinien 79/117/EWG und 91/414/EWG des Rates. Online: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=celex:32009R1107 [letzter Zugriff: 07.12.2020]

[4] Convention on Biological Diversity. Ad Hoc Technical Expert Group on Risk Assessment (2020). Report of the Ad Hoc Technical Expert Group on Risk Assessment. CBD/CP/RA/AHTEG/2020/1/5. 15. April 2020, Montreal, Canada. Online: https://www.cbd.int/doc/c/a763/e248/4fa326e03e3c126b9615e95d/cp-ra-ahteg-2020-01-05-en.pdf


Europaparlament: keine Förderung von Gentechnologien in der Entwicklungspolitik

Am 6.10.2021 forderte das Europaparlament bei seiner Plenarsitzung die EU-Kommission und die EU-Mitgliedsstaaten mit seinem Bericht zur "Rolle der Entwicklungspolitik bei der Bekämpfung des Verlusts der biologischen Vielfalt in den Entwicklungsländern im Zusammenhang mit der Umsetzung der Agenda 2030" dazu auf, die Rechte zukünftiger Generationen aktiv zu schützen, keine Gentechnologien mit Geldern der Entwicklungshilfe zu fördern und insbesondere die Freisetzung von Gene Drive Organismen nicht zu gestatten.

Mareike Imken, Koordinatorin der europäischen Stop Gene Drive Kampagne, begrüßt diese Entschließung:
„Das Europaparlament bestärkt hier zum dritten Mal in Folge seine Forderung, die Gene Drive Technologie aus Vorsorgeerwägungen nicht einzusetzen. Diese Forderung ist auch deshalb so wichtig, da erste Feldversuche mit der Gene Drive Technologie in den nächsten Jahren in Burkina Faso durch das Projektkonsortium Target Malaria umgesetzt werden sollen.“ So hehr das damit verfolgte Ziel, die Malaria bekämpfen zu wollen – so wichtig sei es auch, die unvorhersehbaren und möglicherweise katastrophalen Konsequenzen der grenzüberschreitenden, unkontrollierbaren und unwiderruflichen gentechnischen Veränderung oder Ausrottung von Mücken nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. „Ich fordere EU-Kommission und den Mitgliedsstaaten dringend dazu auf, die Forderungen des Europaparlaments national und international umzusetzen!“ so Imken.

In Paragraf 32 vertieft das Europaparlament seine Forderung vom 8. Juni 2021 aus der EU-Biodiversitätsstrategie und seiner Entschließung vom 16. Januar 2020 zur 15. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Biodiversitätskonvention:

„[Das Europäische Parlament] stellt fest, dass die Gene Drive Technologie wie bei genetisch veränderten Mücken zur Eindämmung von vektorübertragenen Krankheiten schwerwiegende und neuartige Gefahren für Umwelt und Natur darstellen, darunter unumkehrbare Änderungen in den Lebensmittelversorgungsketten und Ökosystemen sowie Verluste an biologischer Vielfalt – eine Vielfalt, auf die die Ärmsten der Welt für ihren Lebensunterhalt angewiesen sind; bekräftigt seine Besorgnis angesichts der neuen Herausforderungen in den Bereichen Recht, Umwelt, biologische Sicherheit und Regierungsführung, die sich aus der Freisetzung von durch Gene Drive veränderten Organismen in die Umwelt ergeben könnten, selbst wenn die Freisetzung zu zum Zwecke der Erhaltung der Natur erfolgt; bekräftigt, dass die freie, vorherige und in Kenntnis der Sachlage erteilte Zustimmung der indigenen Völker und lokalen Gemeinschaften eingeholt werden muss, bevor Technologien eingeführt werden, die sich auf deren traditionelles Wissen, Innovation, Gebräuche und Lebensumstände sowie auf die Landnutzung und den Ressourcen- und Wasserverbrauch auswirken können; betont, dass dabei alle möglicherweise betroffenen Bevölkerungsgruppen im Vorfeld auf partizipative Weise einbezogen werden müssen; vertritt die Auffassung, dass Genantriebstechnologien Anlass zu Bedenken hinsichtlich der Schwierigkeiten geben, das Verhalten der betroffenen Organismen vorherzusagen, und dass durch Genantrieb veränderte Organismen sich selbst zu invasiven Arten wandeln könnten, weshalb nach Maßgabe des Vorsorgeprinzips die Freisetzung von durch Gene Drive veränderten Organismen nicht gestattet werden sollte, auch nicht zum Zwecke der Erhaltung der Natur“

Aus Sicht von Mareike Imken, wäre es ein wichtiger weiterer Schritt, auch angesichts der schlechten Erfahrungen mit patentiertem gentechnisch verändertem Saatgut in Afrika und Lateinamerika, die Forderung in Paragraf 28 des Europaparlaments in nationalen Entwicklungshilfeprogrammen umzusetzen. In Paragraf 28 fordert das Europäische Parlament die Kommission und die Mitgliedstaaten nachdrücklich dazu auf, „den Verpflichtungen der Union aus internationalen Übereinkommen Rechnung zu tragen und zudem dafür Sorge zu tragen, dass in Entwicklungsländern mit Geldern aus der Entwicklungshilfe keine Technologien zur genetischen Veränderung gefördert werden.“

Bei dieser Entschließung handelt es sich um eine unverbindliche Stellungnahme des Europäischen Parlaments mit Empfehlungen zur internationalen Zusammenarbeit auch in internationalen Konventionen wie UN CBD, UNEP, FAO und Handelsabkommen. Um diese Empfehlungen umzusetzen, müsste die EU-Kommission sie in einem eigenen Legislativvorschlag aufgreifen, der dann vom Europäischen Parlament und den EU-Mitgliedstaaten bestätigt werden müsste. Diese Empfehlungen könnten ihren Weg jedoch auch in weniger formell vereinbarte Verhandlungspositionen der EU bei ihrer internationalen Arbeit finden.

------

Zur Entschließung:

Entschließung des Europäischen Parlaments vom 6. Oktober 2021 zu der Rolle der Entwicklungspolitik bei der Eindämmung des Verlusts an biologischer Vielfalt in Entwicklungsländern vor dem Hintergrund der Umsetzung der Agenda 2030 (2020/2274(INI)) – Para 32 zu Gene Drives.

 

Vorherige Resolution des Europaparlaments zu Gene Drives:

Bericht über das Thema „EU-Biodiversitätsstrategie für 2030: Mehr Raum für die Natur in unserem Leben (2020/2273(INI)) – Para. 148 zu Gene Drives

Entschließung des Europäischen Parlaments vom 16. Januar 2020 zu der 15. Tagung der Konferenz der Vertragsparteien (COP15) des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (2019/2824(RSP)) - Para. 15 zu Gene Drives


Gentechnik im Naturschutz? IUCN leitet Positionsfindung ein

Am Freitag, den 10.09.2021, stimmte die Weltnaturschutzunion IUCN auf ihrem Weltkongress über einen umstrittenen Antrag ab, der einen breit angelegten Positionsfindungsprozess zum Einsatz der synthetischen Biologie, einschließlich der Nutzung von Gentechnik und Gene Drives im Naturschutz in den nächsten drei Jahren unter IUCN Mitgliedern einleiten soll.

Bis zum kommenden IUCN Weltkongress im Jahr 2024 will die IUCN auf diesem Weg eine Position zum Umgang mit den neuen technologischen Möglichkeiten der synthetischen Biologie im Kontext ihrer Naturschutzbemühungen formulieren. In diesem Zusammenhang relevante Anwendungen der synthetischen Biologie umfassen beispielsweise die synthetische Produktion naturidentischer Produkte im Labor, Vorschläge zur Bekämpfung von Schädlingen mittels Gentechnik (z.B. RNAi-Sprays oder Paratransgenese) in der Landwirtschaft oder die gentechnische Manipulation von wildlebenden Arten wie Insekten, zum Zwecke der Krankheitsbekämpfung (z.B. aber nicht ausschließlich mittels Gene Drive). Besonders kontrovers: Befürworter*innen und Entwickler*innen gentechnischer Verfahren sehen sogar die Möglichkeit, Anwendungen der synthetischen Biologie auch gezielt für Naturschutz zu entwickeln, z.B. für die Bekämpfung invasiver Arten mittels Gene Drive.

Bestimmungen der Resolution 075

Die Resolution legt fest, dass sich die IUCN (z.B. in internationalen Foren wie der CBD) bis zur förmlichen Verabschiedung dieser IUCN-Position beim folgenden IUCN Weltkongress im Jahr 2024 zu allen Aspekten der synthetischen Biologie neutral zu verhalten muss, auch wenn dabei sich im Laufe des Prozesses neue Erkenntnisse ergeben.

Mit der Verabschiedung der Resolution 075 erkannten die Mitglieder der IUCN an, dass es große Daten- und Wissenslücken sowie ungelöste ethische, soziale, kulturelle und ökologische Fragen im Zusammenhang mit der Nutzung von Technologien gibt, die derzeit zur gentechnischen Veränderung wildlebender Arten entwickelt werden. Die Resolution 075 legt fest, dass diese Ungewissheiten eine Anwendung des Vorsorgeprinzips erfordern und bei der Positionierung der IUCN zu diesem Thema berücksichtigt werden müssen. Besonderes Augenmerk beim gemeinschaftlichen Wissensaufbau soll deshalb auf die Identifizierung von Wissenslücken, Datenmängeln und wissenschaftlichen Unsicherheiten gelegt werden, die eine Bewertung der Auswirkungen von bestehenden und möglichen zukünftigen Anwendungen der synthetischen Biologie (einschließlich Gene Drives) im Kontext des Naturschutzes unmöglich machen. Diesbezüglich sollen insbesondere offene Fragen und Herausforderungen in ökologischer, konzeptueller, rechtlicher, sozio-ökonomischer, kultureller und ethischer Hinsicht formuliert und zusammengetragen werden. Zu diesem Zweck sollen insbesondere den Perspektiven, dem Wissen und den Rechten indigener Völker und lokaler Gemeinschaften ein hoher Stellenwert eingeräumt werden.

Mareike Imken, Koordinatorin der europäischen Stop Gene Drive Kampagne, begrüßt das Bekenntnis der IUCN zum Vorsorgeprinzip und ihre Absicht,  unter ihren Mitgliedern eine Prozess zur Diskussion und Verständigung über den Einsatz gentechnischer Verfahren für den Naturschutz einzuleiten.

"Ein breiter und inklusiver Diskussionsprozess der IUCN wird entscheidend dafür sein, das Bewusstsein der IUCN-Mitglieder dafür zu schärfen, dass der Eingriff in die natürlichen Evolutionsregeln durch die Anwendung der Gene-Drive-Technologie eine neue Dimension des Eingriffs in die natürliche Welt darstellt und deren irreversible Veränderung mit sich bringt."

Die Verhandlungen um diese umstrittene Resolution waren geprägt von zwei Polen: zivilgesellschaftliche Gruppen, die die IUCN aufforderten, die Freisetzung von Organismen der  synthetischen Biologie nicht zu unterstützen versus Befürworter der Gene-Drive-Technologie, die sich dafür einsetzten, dass synthetische Biologie, einschließlich der Gene-Drive-Technologie, als Instrument für den Naturschutz akzeptiert wird.

Zu unserer Pressemitteilung auf Englisch.

Zur Resolution 075 "Towards the Development of an IUCN Policy on Synthetic Biology for Nature Conservation"

Was ist synthetische Biologie?

Mit dem Überbegriff synthetische Biologie werden gentechnische Verfahren bezeichnet, die biologische Komponenten oder natürliche Abläufe umbauen, neu synthetisieren oder auf eine Art verändern, wie sie natürlicherweise nicht vorkommen. Anwendungen der synthetischen können entweder ausschließlich in geschlossenen Systemen/Laboren genutzt werden, oder auch darauf abzielen, sie in offenen natürlichen Systemen zu nutzen und dabei mittels Gentechnik wildlebende Arten und Ökosysteme zu verändern – zum Beispiel über das kontroverse Verfahren der Gene Drives.

Hintergrund zur Abstimmung der Resolution 075 in der IUCN

Eine kleine Gruppe von Befürwortern der synthetischen Biologie, die in der IUCN aktiv ist, argumentiert, dass die Gene-Drive-Technologie für Naturschutzzwecke genutzt werden sollte. Ein Beispiel dafür ist das Projektkonsortium Genetic Biocontrol of Invasive Rodents (GBIRd), dem auch die IUCN-Mitgliedsorganisation Island Conservation angehört und das mit Gene Drive ausgestattete Mäuse entwickelt, die auf Inseln ausgesetzt werden sollen - angeblich, um die Mäuse auszurotten, die Vögeln schaden.

Mit der IUCN-Resolution "WCC-2016-Res-086", die auf der IUCN-Mitgliederversammlung in Hawaii 2016 verabschiedet wurde, wurde die IUCN beauftragt, bis 2020 eine Richtlinie zur Synthetischen Biologie und zum Schutz der biologischen Vielfalt zu entwickeln. Sowohl IUCN-Mitglieder als auch Mitglieder zivilgesellschaftlicher Organisationen haben jedoch die Art und Weise kritisiert, wie dieser Plan umgesetzt wurde. Sie wiesen darauf hin, dass das Bewusstsein der IUCN-Mitglieder für die grundlegenden Fragen, die eine solche IUCN-Position aufwerfen würde, derzeit unzureichend ist. Darüber hinaus wurde kritisiert, dass der IUCN-Bewertungsbericht "Genetic Frontiers for Conservation", der größtenteils von Befürwortern der Technologie verfasst wurde, keine ausreichende Grundlage für die Abstimmung über eine solche Politik bietet.

Zur gemeinsamen Pressemitteilung vom 4.09.2021 mit dem Deutschen Naturschutzring (DNR)

Zum Hintergrund der Diskussionen um Resolution 75 in der IUCN

Zu unserem Briefing für IUCN Delegierte zu Resolution 075

---

Weitere Publikationen zum Thema

ETC Group 2019: A review of the evidence for bias and conflict of interest in the IUCN report on synthetic biology and gene drive organisms.

Testbiotech 2019: Testbiotech comment on the IUCN report “Genetic frontiers for conservation, an assessment of synthetic biology and biodiversity conservation.

ENSSER 2021: A critique of the IUCN report ‘Genetic Frontiers for Conservation’. An assessment An assessment of synthetic biology and biodiversity conservation’ – with regards to its assessment of gene drives


IUCN

Die Diskussion um Gene Drives in der Weltnaturschutzunion (IUCN)

Angesichts der Möglichkeit, eingeschleppte invasive Arten mittels Gene Drive aus empfindlichen Ökosystemen zu entfernen, diskutiert auch die International Union for Conservation of Nature (IUCN), auch Weltnaturschutzunion genannt, seit Ende 2015 über den Umgang mit dieser Technologie.

Bei ihrer Mitgliederversammlung im September 2016 auf Hawaii verabschiedete die IUCN eine Resolution¹, mit der sie sich unter anderem selbst den Auftrag erteilte, einen wissenschaftlichen Bericht zu den Auswirkungen der synthetischen Biologie und Gene Drives für den Schutz der Biodiversität zu erstellen. Auf Grundlage dieses wissenschaftlichen Berichts wollte die IUCN ursprünglich bei ihrer darauf folgenden Mitgliederversammlung im Jahr 2020 eine Position zur Rolle der Gene Drive Technologie für den Naturschutz beziehen.
Unter anderem durch öffentlichen Protest und auf Hinwirken von Koryphäen des weltweiten Natur- und Artenschutzes² verpflichtete sich die IUCN in ihrer Resolution aus dem Jahr 2016 darauf, bis zum Vorliegen dieses Berichts von jeglicher Unterstützung oder Befürwortung von Forschung, Feldversuchen oder Nutzung der Gene Drive Technologie abzusehen.

Der Bericht mit dem Titel Genetic frontiers for conservation³ wurde im Mai 2019 veröffentlicht und traf sowohl aufseiten von IUCN Mitgliedsorganisationen als auch aufseiten von Naturschutz- und Entwicklungsorganisationen aus aller Welt auf harsche Kritik.

Eine von der kanadischen Nichtregierungsorganisation ETC Group durchgeführte Analyse⁴ kam zu dem Schluss, dass eine Mehrzahl der Autor*innen des Berichts bekannte Befürworter*innen der Gentechnik seien und zum Teil aufgrund ihrer wirtschaftlichen Eigeninteressen an der Entwicklung der untersuchten Technologien nicht von der IUCN hätten engagiert werden dürfen. In einem daraufhin von 231 zivilgesellschaftlichen Organisationen und mehreren Wissenschaftler*innen unterzeichneten offenen Brief wurde der Bericht als „bedauerlicherweise einseitig“, „voreingenommen“ und „ungeeignet für die vorgesehene politische Diskussion“ kritisiert. Dieser Bericht stehe nicht im Einklang mit den Vorsorgeerwägungen der Resolution von Hawaii. Die unterzeichnenden Organisationen forderten die IUCN deshalb dazu auf, einen weiteren wissenschaftlichen Bericht auf Basis einer vorsorgeorientierten Analyse der Risiken der Technologie in Auftrag zu geben und mit einer Beschlussfassung zum Thema bis zum Vorliegen eines solchen Gegenberichts zu warten.⁵

In eine ähnliche Richtung ging die Forderung eines Briefes von 23 IUCN Mitgliedern vom Oktober 2019 an den IUCN Council. Es brauche mehr Zeit für eine grundlegende, umfassende, ausgewogene Diskussion auf Grundlage des Vorsorgeprinzips mit größerer Einbindung von IUCN Mitgliedern vor einer Beschlussfassung der IUCN.⁶

Konfrontiert mit dieser Kritik zog der IUCN Council seinen Plan zurück, bereits bei seinem ursprünglich im Juni 2020 geplanten Mitgliederprozess eine Position beschließen zu wollen. Stattdessen wurden in einer mitgliederoffenen Konsultation Prinzipien⁷ für die Diskussion rund um das Thema festgelegt. Diese sollen beim IUCN Weltnaturschutzkongress im Jahr 2021 abgestimmt werden und als Grundlage für eine Positionsfindung zum Thema bis zum darauffolgenden Mitgliederkongress dienen.

 

 


[1] IUCN Library System Website (2016). IUCN, International Union for Conservation of Nature Resolution; c2020. WCC-2016-Res-086 – Development of IUCN policy on biodiversity conservation and synthetic biology. World Conservation Congress; 2016; Hawaii. Online: https://portals.iucn.org/library/sites/library/files/resrecfiles/WCC_2016_RES_086_EN.pdf
[letzter Zugriff: 07.12.2020]
[2]  SynBioWatch Website (2016). A Call for Conservation with a Conscience. No Place for Gene Drives in Conservation. Online:
http://www.synbiowatch.org/wp-content/uploads/2016/09/letter_vs_genedrives.pdf [letzter Zugriff: 07.12.2020]
[3] Redford KH, Brooks TM, Macfarlane NBW, Adams JS (2019). Genetic frontiers for conservation: an assessment of synthetic
biology and biodiversity conservation: technical assessment. IUCN Publication. Online: https://portals.iucn.org/library/node/48408
[letzter Zugriff: 07.12.2020]
[4] ETC Group Website (2019). ETC Group. Driving Under The Influence? A review of the evidence for bias and conflict of interest in the IUCN report on synthetic biology and gene drive organisms. Online: https://www.etcgroup.org/sites/www.etcgroup.org/files/files/etc-iucn-driving_under_influence.pdf [letzter Zugriff: 07.12.2020]
[5] GeneWatch UK Website (2019). GeneWatch UK. Open letter to the IUCN regarding the report Genetic Frontiers for Conservation. Online: http://www.genewatch.org/uploads/f03c6d66a9b354535738483c1c3d49e4/IUCN_let_16July2019.pdf
[letzter Zugriff: 07.12.2020]
[6] Institute for Nature Conservation in Albania Website (2019). Instituti për Ruajtjen e Natyrës në Shqipëri. Open Letter by the undersigned IUCN Members to the IUCN Council. Online: https://inca-al.org/sq/postimet/njoftime/open-letter-by-the-undersigned-iucn-members-to-the-iucn-council [letzter Zugriff: 23.03.2021]
[7] IUCN Congress 2020 Website (2020). IUCN; c2020. 075 – IUCN Principles on Synthetic Biology and Biodiversity Conservation. Online: https://www.iucncongress2020.org/motion/075 [letzter Zugriff: 07.12.2020]


Termine

Termine

„Stop Gene Drives“ – Informationsstand beim IUCN Weltkongress

Samstag, 04.09. 2021 – Freitag, 10.09.2021 // 10.00 – 22.00 Uhr
Informationsstand „Stop Gene Drives“ in der Ausstellung des IUCN-Weltkongresses, Neutral zone – Stand A 2

Öffentliche Veranstaltung im Rahmen des IUCN-Weltkongresses

Samstag, 04.09. 2021 // 18.30 – 20.30 Uhr
Öffentliche Veranstaltung im Rahmen des IUCN-Weltkongresses:
„Ökosystemtechnik und Artenausrottung durch Gentechnik? Grundlegende Fragen des Naturschutzes.
Nur vor Ort; Halle: H8 – Palais de l’Europe; Raum: H8 – 2 Forêt d’Orient

Pressekonferenz Gentechnisch veränderte Ökosysteme?

Montag, 06.09.2021 // 10.00 – 10.30 Uhr
Vor Ort: Raum: H9 – B 11 Pressekonferenzraum – Callelongue
Pressekonferenz „Gentechnisch veränderte Ökosysteme? – Naturschutz am Wendepunkt“.
Live-Stream für akkreditierte Journalisten und registrierte Teilnehmer über https://www.iucncongress2020.org/
Sprache: Die Sitzung wird auf Englisch abgehalten und gedolmetscht.
Im IUCN-Programm: https://www.iucncongress2020.org/
programme/official-programme/session-52577


Europäisches Parlament fordert Verbot der Freisetzung von Gene Drive Organismen

Parlamentsbericht zur EU Biodiversitätsstrategiefür 2030 betont das Vorsorgeprinzip

Das Europäische Parlament bekräftigte in seiner Plenarabstimmung am 08.062021 seine vorsorgeorientierte Haltung gegenüber dem Einsatz eines neuen Gentechnikverfahren namens Gene Drive.[i] In ihrem Bericht zur EU-Biodiversitätsstrategie für 2030, fordern die Parlamentarier*innen, dass "im Einklang mit dem Vorsorgeprinzip keine Freisetzungen von gentechnisch veränderten Gene Drive Organismen erlaubt werden sollten, auch nicht zu Naturschutzzwecken."

Mareike Imken, Koordinatorin der europäischen Stop Gene Drive Kampagne begrüßt diese Entscheidung und kommentiert: "Mit seiner heutigen Position erkennt das Europäische Parlament an, dass die Gene Drive Technologie eine Reihe von wissenschaftlichen, regulatorischen, gesellschaftlichen und ethischen Fragen und Bedenken aufwirft. Da ihr Einsatz die biologische Vielfalt stark beeinträchtigen könnte, fordert das Europäische Parlament, jegliche Freisetzung in die Umwelt aufzuschieben, bis diese Fragen geklärt sind. Dies ist eine wichtige Botschaft, die in die laufenden Diskussionen zur globale Regulierung der Technologie auf dem nächsten Treffen der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) im September in Marseille und in die laufenden Vor-Verhandlungen zur COP 15 des Übereinkommens über die biologische Vielfalt im Oktober einfließen sollte."

27 zivilgesellschaftliche und wissenschaftliche Organisationen aus der gesamten EU hatten vor der Abstimmung einen Brief an die Parlamentarier*innen geschickt, um den Passus zu unterstützen. Er enthalte „vernünftige Vorschläge dafür, wie die frühere Position des Europäischen Parlaments in der Entschließung zur 15. Tagung der Konferenz der Vertragsparteien (COP15) des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (2019/2824(RSP)) umgesetzt werden kann".

In dieser früheren Position, die im Januar 2020 verabschiedet wurde, hatte das Europäische Parlament die EU-Kommission und die EU-Mitgliedstaaten dazu aufgefordert, „auf der COP15 ein globales Moratorium für Freisetzungen von Gene Drive-Organismen in die Natur, einschließlich Feldversuchen, zu fordern, um eine verfrühte Freisetzung dieser neuen Technologien zu verhindern und das Vorsorgeprinzip zu wahren, das sowohl im Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union als auch in der CBD verankert ist.“

 

Hintergrundinformationen:

Dies ist der nun angenommene Passus, der im Bericht über das Thema „EU-Biodiversitätsstrategie für 2030: Mehr Raum für die Natur in unserem Leben“(2020/2273(INI)) durch das Plenum des Europäischen Parlaments angenommen wurde. [ii]:

Das Europäische Parlament,

148. ist besorgt über die neuen Herausforderungen in den Bereichen Recht, Umwelt, biologische Sicherheit und Regierungsführung, die sich aus der Freisetzung von durch Genantrieb veränderten Organismen in die Umwelt, auch zu Naturschutzzwecken, ergeben könnten; nimmt den Bericht der Ad-hoc-Sachverständigengruppe des Übereinkommens über die biologische Vielfalt zu durch Genantrieb veränderten Organismen und lebenden veränderten Fischen zur Kenntnis, in dem Bedenken hinsichtlich der Schwierigkeiten geäußert werden, ihr Verhalten vorherzusagen, ihre Risiken zu bewerten und sie nach der Freisetzung zu kontrollieren; stellt fest, dass durch Genantrieb veränderte Organismen selbst zu invasiven Arten werden könnten; ist der Ansicht, dass auf globaler und EU-Ebene Leitfäden zur Risikobewertung, Instrumente und ein Rahmen für die Umweltüberwachung sowie eine klare globale Steuerung und wirksame Mechanismen zur Kontrolle und Umkehrung der Auswirkungen von durch Genantrieb veränderten Organismen vollständig entwickelt werden sollten und dass zusätzliche Forschung zu den gesundheitlichen, umweltrelevanten, ökologischen, ethischen und anderen Auswirkungen von durch Genantrieb veränderten Organismen erforderlich ist, um ihre potenziellen Auswirkungen besser zu verstehen; ist daher der Auffassung, dass im Einklang mit dem Vorsorgeprinzip keine Freisetzungen von durch Genantrieb veränderten Organismen zugelassen werden sollten, auch nicht zu Naturschutzzwecken.

 

Pressemitteilung hier herunterladen.

Verbändebrief an MEPs vor der Abstimmung.

Veranstaltungsbericht eines vorherigen interaktiven runden Tisches, organisiert von allen Berichterstattern des Parlamentsberichts zur EU Biodiversitätsstrategie vom 8. Dezember 2020: Genetic engineering of wild species. Protection or destruction of nature?


[i] Abstimmungsergebnisse des Europaparlaments für Paragraphen der EU Biodiversitätsstrategie vom Plenum am 08.09.2021

[ii] Europäisches Parlament: Bericht über das Thema "EU Biodiversitätsstrategie für 2030: Mehr Raum für Natur in unserem Leben."


Welt-Malaria-Tag: Braucht es Gene Drives zur Malariabekämpfung?

Infektionskrankheiten wie Malaria, Dengue-Fieber und Borreliose werden von sogenannten Vektoren, wie Mücken oder Zecken auf den Menschen übertragen. Im Fall von Malaria wird der Erreger und damit die Krankheit ausschließlich durch Anophelesmücken verbreitet. Ein globales Programm der Malariakontrolle hat bisher dazu beigetragen, die Krankheit in vielen Regionen der Welt zurückzudrängen.  Bereits 38 Länder sind als malariafrei zertifiziert, aber es verbleiben noch immer 86 Länder in denen die Malariakontrolle nicht ausreichend umgesetzt werden konnten und mehrere hunderttausend Tode zur Folge hat.

Hier kommt die Diskussion über die Gene Drive Technologie ins Spiel. Mücken werden im Labor mithilfe des sogenannten CRISPR/Cas Verfahrens gentechnisch so verändert, dass sie eine neue Eigenschaft an sämtliche Nachkommen weitervererben, auch wenn diese Eigenschaft dazu führt, dass die Population oder die ganze Art ausstirbt. Auf diese Weise erzeugte Gene Drive Mücken sollen die Zahl der Anophelesmücken in Afrika massiv reduzieren und somit die Übertragung der Malaria verhindern. Gene Drives werden deshalb als effektive technologische Lösung zur Bekämpfung von Malaria propagiert.

Welche Bedenken es bezüglich der Nutzung der Gene Drive Technologie gibt und welches Ziel die europäische Stop Gene Drive Kampagne verfolgt, erklärt Mareike Imken, Koordinatorin der Stop Gene Drive Kampagne im Kurzinterview. (Zum Interview)

Eine führende Rolle bei der Entwicklung derartiger Gene Drives spielt das internationale Forschungskonsortium Target Malaria, das zum großen Teil aus Mitteln der Bill & Melinda Gates Foundation finanziert wird. Deren Einfluss auf die globalen Gesundheitspolitik und die durch sie beeinflusste Auswahl von Prioritäten und Maßnahmen auch zur Malariabekämpfung erklärt uns Dr. Andreas Wulf von Medico international im Interview mit uns. (Zum Interview)

Die Pläne von Target Malaria zum Einsatz von Gene Drives sind schon so weit, dass erste Modellprojekte in Afrika, darunter auch in Burkina Faso, gestartet wurden. Im Juli 2019 führte Target Malaria in Burkina Faso erste Freilandtests mit gentechnisch veränderten  sterilen Mücken durch, die noch keinen Gene Drive trugen. Diese Versuchen galten als Vorstufe zur Freisetzung von Gene Drive Mücken in einer späteren Projektphase. Diese und nachfolgende Test stoßen in Teilen der Bevölkerung in Burkina Faso auf Widerstand, wie Ali Tapsoba, Menschenrechtsaktivist, in seinem Interview mit uns erklärt.  (Zum Interview) Er ist der Sprecher der zivilgesellschaftlichen Widerstands gegen die Freisetzung von Gene Drives in Burkina Faso. Die Behandlung mit Artemisia-Tees aus afrikanischem Anbau zählt zu den Maßnahmen, die er gegenüber der Nutzung der Gene Drive Technologie bevorzugen würde. Davor warnt jedoch die Weltgesundheitsorganisation WHO. Wie wirksam und sicher Artemisia Tee-Aufgüsse zur Behandlung oder Vorbeugung von Malaria sind, erklärt die internationale renommierte Professorin Pamela Weathers des Worcester Polytechnic Institutes in ihrem Interview mit uns. (Zum Interview)


94 Verbände fordern: neue Gentechnikverfahren strikt regulieren, Gene Drives stoppen!

Insgesamt 94 Organisationen aus den Bereichen Umwelt-, Tier- und Naturschutz, internationale Zusammenarbeit, Kirchen, Verbraucherschutz, Landwirtschaft, Züchtung, Lebensmittelwirtschaft und Imkerei sowie Jugendorganisationen fordern die Bundesregierung in einem veröffentlichten Positionspapier vom 21.04.2021 dazu auf, in Deutschland und auf EU-Ebene alle derzeitigen wie künftigen Gentechnikmethoden und die daraus entstehenden gentechnisch veränderten Organismen (GVO) weiterhin unter dem bestehenden EU-Gentechnikrecht zu regulieren und zu kennzeichnen.

Anlass für dieses Positionspapier war eine Stellungnahme der EU-Kommission zur neuen Gentechnik in der Landwirtschaft vom 30. April 2021, das eine Änderung der EU-Gentechnikgesetzgebung in Betracht zieht. Seit Jahren hatten Industrie und Gentechnik-Befürworter*innen dafür geworben, neue Gentechnikverfahren wie CRISPR/Cas von der EU-Gentechnik-Richtlinie 2001/18/EG auszunehmen.

Demgegenüber hatte der Europäische Gerichtshof (EuGH) allerdings bereits in einem Urteil vom Juli 2018 klargestellt, dass auch neue Gentechnikverfahren Gentechnik im Sinne des europäischen Gentechnikrechts seien. Aus diesem Grund müssen laut der EU-Gentechnikrichtlinie im Sinne des EU-rechtlich verankerten Vorsorgeprinzips Maßnahmen zum Schutz von Umwelt und menschlicher Gesundheit ergriffen werden. Dazu gehört nach aktuellem Gentechnikrecht eine Risikoprüfung vor Marktzulassung sowie eine Kennzeichnung der mittels Gentechnik erzeugten Produkte als “GVO”.

Aus Sicht der 94 Verbände ist die gentechnikfreie Züchtung, Saatguterzeugung, Land- und Lebensmittelwirtschaft sowie der Handel auf die Kennzeichnung von GVO, auf die Transparenz und Rückverfolgbarkeit sowie auf die Koexistenz- und Haftungsregelungen angewiesen, die das aktuelle Gentechnikrecht vorschreibt. Deshalb fordern sie mit ihrem Positionspapier die Bundesregierung dazu auf, sich auf EU-Ebene dafür einzusetzen, die Wahl- und Gentechnikfreiheit durch fortgesetzte Kennzeichnung und Transparenz, Risikoprüfung vor Zulassung und Rückverfolgbarkeit zu sichern.

Sogenannte Gene Drives seien in diesem Kontext ein Extrembeispiel für die zusätzlichen Risiken und das Missbrauchspotential neuer Gentechnikverfahren. Mit ihnen sollen erstmals auch wild lebende Arten jenseits der Landwirtschaft gentechnisch verändert, dezimiert oder ausgerottet werden. Einmal freigesetzt, sei die gentechnische Kettenreaktion eines Gene Drive nicht mehr rückholbar oder zu kontrollieren. Im schlimmsten Falle könne dies zum Kollaps ganzer Ökosysteme führen.

Deshalb fordern die 94 Verbände in ihrem Positionspapier, die Freisetzung von Gene Drive Organismen in die Natur zu unterbinden. Zum Schutz der menschlichen Gesundheit und der Biodiversität brauche es ein globales Moratorium auf die Anwendung der Technologie  in der Natur.

 

Download PDF Positionspapier

 

-------------------------------------------------

Links zu weiteren Pressemitteilungen:


162 Verbände fordern globales Gene Drive Moratorium

Eine breite Koalition von 162 Organisationen hat Frans Timmermans, dem Vize-Präsidenten der Europäischen Kommission, einen offenen Brief geschrieben. Sie fordert, Pflanzen und Tiere, die mit neuen gentechnischen Methoden verändert wurden, auch in Zukunft strikt zu regulieren. Ferner soll die EU-Kommission ein weltweites Moratorium für Gene Drive-Organismen unterstützen.

Die bestehenden EU-Gentechnik-Standards sicherten die Umsetzung des Vorsorgeprinzips und schützten Umwelt und Verbraucher, schrieben die Organisationen aus den Bereichen Umwelt- und Verbraucherschutz, Land- und Lebensmittelwirtschaft. Bauern und Konsumenten könnten frei wählen, ob sie gentechnisch veränderte Pflanzen essen oder anbauen wollen. Aktueller Anlass für den offenen Brief ist eine Studie über den derzeitigen Status und die zukünftige Regulierung gentechnisch veränderter Organismen in der Europäischen Union (EU). Die Regierungen der europäischen Mitgliedstaaten hatten die EU-Kommission im November 2019 aufgefordert, eine solche Studie zu erstellen. Sie soll verschiedene Aspekte berücksichtigen, darunter den wissenschaftlichen Fortschritt, die rechtliche Situation, wie auch eine Veröffentlichung der „Europäischen Gruppe für Ethik in Wissenschaft und neuen Technologien". Die Europäische Kommission hat angekündigt, die Studie Ende April zu veröffentlichen.

Ferner fordern die Autoren des Briefes an Timmermans und andere Mitglieder der EU-Kommission, diese solle sich dafür einsetzen, dass die Regelung der Gentechnik in Großbritannien auch nach dem Brexit EU-konform bleibt. Denn die britische Regierung plant aktuell, ihr Gentechnikrecht zu überarbeiten. Wie der Infodienst berichtete, hatte sie dafür Anfang des Jahres Betroffene zu einem Konsultationsverfahren eingeladen, das Mitte März endete. Die Organisationen fordern Timmermans jetzt auf, sich bei der Regierung von Großbritannien dafür stark zu machen, diese Pläne fallen zu lassen. Denn wenn gentechnisch veränderte Pflanzen in Großbritannien künftig weniger streng geregelt würden, würde das auch den Handel mit der EU betreffen.

Schließlich fordern die 162 Organisationen, die EU-Kommission solle sich für die Unterstützung eines weltweiten Moratoriums über die Nutzung von sogenannten Gene Drive-Organismen einsetzen. Gene Drive-Organismen entstehen aus einer besonderen Anwendung der neuen Gentechnik. Diese birgt die Gefahr, dass ganze Arten von Organismen stark dezimiert oder ausgerottet werden könnten. Das Europäische Parlament hatte sich bereits im Januar 2020 im Sinne einer Petition für ein globales Moratorium ausgesprochen. Gerade in Zeiten einer „ökologischen Krise, wenn eine Million Arten bedroht sind“, könne nicht mit einer Technologie experimentiert werden, die auch als „Aussterben nach Bedarf“ bezeichnet wird, so die Begründung.